Frohe Ostern!

Zu meinem letzten Blogartikel „Leben ist mehr“ schrieb mir eine Leserin: „Die Mischung aus persönlichen, privaten und beruflichen Aspekten gefällt mir sehr gut.“ Und ich habe geantwortet: „Ich habe ja nur ein Leben, das ist nicht getrennt nach Privatleben und Beruf – gerade jetzt habe ich das Gefühl, dass alles ineinander greift und sich harmonisch ergänzt.“

Und so zeigt mein Osterfoto diesmal mein persönliches Ostergesteck auf dem Tisch in meinem Arbeitsbereich. Hier liegen die wichtigsten Neuerscheinungen meines Verlages: Der Roman „Der Austauschsoldat“ bzw. im englischen Original „The Exchange Soldier“ von Yusuke Yahagi und mein neuer Kalender „Impressionen von der Sonneninsel Fehmarn 2018“, der rechtzeitig zu Ostern eingetroffen ist. Daneben erinnert mich der Verlagsflyer Frühjahr 2017 daran, dass noch nicht alle geplanten Bücher erschienen sind – dafür gibt es aber bereits eine Reihe von neuen Buchprojekten – für den nächsten Flyer.

„Dr. Verlegerin“ – ein neuer Titel, der mir gestern durch Yusuke Yahagi verliehen wurde. Neulich schrieb mir eine neue, junge Autorin „Hallo meine Lieblingsverlegerin“. All das macht Freude und motiviert mich zu besonderem Engagement. Ich arbeite mit positiven Menschen zusammen, die unsere Welt mit ihren positiven Gedanken ein bisschen besser machen wollen. Allerdings kann nicht jeder bei mir mit seiner Buchidee landen – ich habe inzwischen deutlich NEIN sagen gelernt. Und das macht mich nur noch glücklicher.

Kurz vor meinem 65. Geburtstag – das ist der Zeitpunkt, an dem man normalerweise in den sogenannten „Ruhestand“ geht – bin ich mit einem Buchautor, dem japanischen Herzchirurgen Yusuke Yahagi aus Texas und seiner Frau April Yahagi unterwegs auf einer achttägigen Lesetour durch Deutschland. Statt in den Ruhestand zu gehen, mache ich einen weiteren großen Schritt in der Erfolgsgeschichte meines Verlages: wir werden international!

Am 11. Mai 2017 beginnt unsere „Deutschland-Tournee“ mit der Buchvorstellung im Literaturhaus der Bundeshauptstadt Berlin. Dr. Yusuke Yahagi wird auf deutsch selbst aus seinem Buch lesen und in einem Interview mit mir, seiner Verlegerin Dr. Beate Forsbach über die Entstehung des Buches berichten.

Es folgen Veranstaltungen im Café Jedermann in Burg auf Fehmarn (13. Mai 2017), im Café Kuchenstund in Hamburg-Niendorf (15. Mai 2017), in Häckers Grandhotel in Bad Ems (16. Mai 2017), in der Japanisch-Deutschen Kulturwerkstatt Tenri in Köln (17. Mai 2017). Mit der letzten Buchpräsentation am Donnerstag, 18. Mai 2017 wird die Israelitische Kultusgemeinde Bamberg gleichzeitig ihre 2. Jüdischen Kulturtage Bamberg eröffnen.

Es wird eine Reise mit Freunden zu lauter Freunden in Berlin, Fehmarn, Hamburg, Bad Ems, Köln und Bamberg! Ich lade Euch alle herzlich dazu ein. Bitte kommt zu einer unserer Veranstaltungen – so könnt Ihr Yusuke Yahagi persönlich kennenlernen, aber auch mich und unser Verlagsmaskottchen Senta.

Hier auf unserer Verlagswebsite könnt Ihr noch mehr über das Buch und den Autor erfahren: www.edition-forsbach.de/

Es ist schön für mich, gestern am Karfreitag, so kurz vor Ostern – neben all den beruflichen Erfolgen mit dem neuen Buch und der bevorstehenden Lesetour – auch das ganz kleine Glück erleben zu dürfen: am kleinen Strand mit Martina und ihrer Familie, mit Winni, Lena und Christina, sowie den beiden glücklichen Hunden Senta und Luna.

Die Familie möchte so gerne ans Meer ziehen, auf unsere schöne Insel. Und ich kann das gut verstehen.

Das Meer ist sehr wichtig für mich, das spüre ich immer wieder. Hier kann ich laut singen, sprechen, denken und auch weinen, hier kann ich übers Meer schauen dorthin, wohin uns einige geliebte Menschen vorausgegangen sind. So bekam ich am Tag nach meinem Blog „Leben ist mehr“ die traurige Nachricht, dass mein alter Schulleiter und Deutsch-, Philosophie- und Englischlehrer Dr. Hermann Heyder kurz nach seinem 95. Geburtstag verstorben war. Zum Glück hatte ich ihn noch im Januar besucht und mit ihm einige schöne Stunden verbracht. Dafür und für alles, was er in über 50 Jahren für mich getan hat, bin ich sehr dankbar. Bei der Messe im Xantener Dom stand dieser Spruch des Heiligen Augustinus im Mittelpunkt der Predigt:

Auferstehen ist unser Glaube,
Wiedersehen unsere Hoffnung,
Gedenken unsere Liebe.

Und das passt doch richtig gut zu Ostern. Es ist nun schon mein viertes Osterfest, das ich alleine mit Senta feiere. Ich bin sehr dankbar, dass es uns so gut geht. Seit Jahren feiere ich Ostern als Zukunftsfest und bedenke die Pläne und Ziele für die Zukunft. Anders als sonst sind es aber in diesem Jahr die Begegnungen mit lieben Menschen, schon in der Karwoche und auch zu Ostern, mit denen ich über ihre und unsere Pläne und Ziele sprechen kann. Und auch über unsere Träume!

Denn eigentlich ist alles ganz einfach: Das Leben liebt mich und Dich und Dich  …, und es wird schon dafür sorgen, dass das Richtige zur rechten Zeit eintrifft. Du musst nur ganz fest daran glauben und es Dir nur immer wieder vorstellen!

Ich wünsche allen Freunden und Lesern meines Blogs ein frohes Osterfest!

Bühne des Lebens

Edition Forsbach_Z_Facebook-11Ich erlebe schon seit über zwei Jahren, dass mir nach dem Tod meines Mannes etwas fehlt. Dadurch bin ich empfänglich für Zeichen der Zuneigung und habe auch teilweise irrationale Entscheidungen getroffen. Leider musste ich schon mehrfach erfahren, dass man als Witwe für manche Männer und einige Frauen offenbar ein dankbares „Opfer“ ist. Wobei ich mich noch nie als „Opfer“ gesehen habe. Leider meinen es manche nicht so, wie es scheint. Offenbar ist mein Status attraktiv – Beamtenpension, eigenes Haus, Garten, Hund, Mercedes, Verlag – wobei ich gerade durch den Verlag auch viele Freunde angezogen habe, die mir nicht immer gut getan haben.

Ich bin derzeit in einem Stadium, in dem ich am liebsten mit mir selbst zusammen bin, und natürlich mit Senta, meiner Seelengefährtin. Wer glaubt, die Trauer müsse nun langsam mal vorbei sein, hat wahrscheinlich noch nie den Tod eines geliebten Partners erlebt. Die Liebe hört niemals auf. Trotzdem habe ich begonnen, mein neues Leben zu genießen und wieder glücklich zu sein. Und ich glaube auch, dass man ein zweites Glück erfahren kann, nachdem man einmal ein ganz großes Glück erlebt hat.

Edition Forsbach Facebook-32Übrigens findet man in Internet-Foren ganz interessante Tipps, wie man eine Witwe für eine Freundschaft und mehr gewinnen kann. Museen, klassische Konzerte, Lesungen werden empfohlen, ihr Hilfe anzubieten, wenn sie welche braucht, praktische Hilfe ebenso wie menschliche Zuwendung. Der ideale Zeitpunkt scheint der erste Todestag ihres Mannes zu sein, früher empfiehlt es sich nur, wenn er schon sehr lange krank gewesen ist. Bei mir fingen Annäherungsversuche bereits am Tag nach der Beerdigung meines Mannes an, als ich noch gar nicht auf die Idee kam, dass irgendjemand meine Trauer nicht respektieren würde.

Ich bin froh, dass es auch auf Facebook gelegentlich Posts gibt, die die Trauer von Hinterbliebenen ernst nehmen. In meinem Blog habe ich viele Artikel zur Trauerbewältigung geschrieben, aus denen demnächst ein Buch wird. Denn so viele Menschen haben bereits den Kontakt mit mir aufgenommen, fühlen sich getröstet und unterstützt. Und das im besten Sinne des Wortes „Trauerbegleitung“.

Ich bin mit mir selber glücklich und sehr froh, dass ich jetzt in einem Stadium bin, wo ich frei und selbstbestimmt leben kann. Von einigen starken „Fesseln“ bin ich inzwischen befreit – am letzten Wochenende habe ich den Beginn meiner ureigenen Freiheit gefeiert, angefangen mit dem 11. Jahrestag meiner Promotion am vergangenen Freitag.

Und schon treten wieder neue Menschen auf die Bühne des Lebens – es bleibt spannend.

Die Liebe hört niemals auf

Erinnerung 2016Heute ist der zweite Jahrestag nach Hans Christians Tod. Am Valentinstag, dem Tag der Liebenden, am 14. Februar 2014, wurde er beerdigt. Der Pfarrer hatte den Gottesdienst unter das Motto der Liebe gestellt mit dem Spruch aus dem „Hohelied der Liebe“:

Die Liebe hört niemals auf,
wo doch das prophetische Reden aufhören wird
und das Zungenreden aufhören wird
und die Erkenntnis aufhören wird.
(1. Korinther 13,8)

In diesem zweiten Jahr nach seinem Tod habe ich mir viele Gedanken gemacht über die Liebe. Am 14. Juni 2014, genau vier Monate nach seiner Beerdigung, erlebte ich in derselben Kirche den Gottesdienst zur Goldenen Hochzeit eines befreundeten Ehepaares. Wieder stammte der Spruch aus dem „Hohelied der Liebe“ – die Feiern ähnelten sich, nur dass der Ehemann nun am Arm seiner Frau die Kirche verließ, nicht im Sarg.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“
(1. Korinther 13,13)

Mein verstorbener Mann Hans Christian liebte die Philosophie, genau wie die Musik. Und so versuche ich mich dem Thema Liebe mit Hilfe der Philosophie zu nähern.

Mit dem Verstand können wir besser mit der LIebe umgehen. Der Philosoph Wilhelm Schmid schreibt in seinem Buch über die Liebe: „Liebe besteht nicht nur aus Gefühlen, Liebe ist auch eine Entscheidung.“

Gibt es sie, die ewige Liebe? In welcher Form erlebt man sie?

Im Juli 2014 hatte ich in meinem Blogartikel „Einmal leben“ geschrieben:
Ich rede nicht mehr mit ihm, wir lachen nicht mehr zusammen, wir sitzen nicht mehr gemeinsam beim Essen oder sagen uns, dass wir uns lieb haben. Wir schlafen nicht mehr zusammen ein und wachen nicht zusammen auf. Ich trinke zwar jeden Abend ein Gläschen Sherry »auf diesen schönen Tag« – aber das ist etwas anderes, als es mit Hans Christian war. Trotzdem beginne ich, mein neues Leben zu genießen und wieder glücklich zu sein.“

Hans Christian hatte immer einen Spruch zitiert:
On n’a pas le droit de tout avoir.“ – Man hat nicht das Recht, alles zu haben.
Un bonheur c’est tout le bonheur. Deux, c’est comme s’ils n’existaient plus.“
Ein Glück, das ist das ganze Glück. Zwei, das ist so, als ob sie nicht existierten.

Un_bonheurDaraus zog ich die Schlussfolgerung: „Einmal leben – ein Glück – das ist das ganze Glück.“ Und: „Ein zweites derartiges Glück kann es nicht geben.

Mit dieser Aussage hatte ich mich geschützt gegen unerwünschte Annäherungsversuche. Aber sie half mir eigentlich nicht, den Verlust zu verarbeiten. Ich sagte mir immer wieder: „Das Bewusstsein, eine glückliche Zeit erlebt zu haben, macht mich glücklich, denn all die schönen Erinnerungen sind ja noch da.“ Das stimmt bis zum heutigen Tag.

Aber Hans Christian hat auch immer gesagt: „Dreimal ist göttlich.“ Ich war seine dritte Frau. Auf die Frage in einem Interview: „Was war der bisher glücklichste Tag in Ihrem Leben?“ hatte er geantwortet: „Als ich meine jetzige Frau kennenlernte.“ Auf die Frage, welchen Menschen er auf eine einsame Insel mitnehmen würde, meinte er: „Meine Frau.“ Für ihn war es das größte Glück, dass er mich gefunden hatte nach zwei unglücklichen Ehen. „Dreimal ist göttlich!“

Aber wie ist es, wenn man einmal ein großes Glück erlebt hat? Kann man es nicht ein zweites Mal erleben? Ich glaube, das Leben schreibt da andere Geschichten. Wenn ich selber glücklich bin und mich wirklich liebe, dann kann ich diese Liebe auch mit einem neuen Partner teilen.

Louise Hay sagt dazu:
„Das Leben ist ganz einfach. Was ich gebe, kommt zu mir zurück.
Heute entscheide ich mich dafür, Liebe zu geben.“

Die Liebe hört niemals auf. Was ist das, die ewige Liebe?

Vor ein paar Tagen schrieb ich:
Er ist  nicht mehr da. Ich kann nicht mehr mit ihm reden.
Ich spüre keine Gefühle mehr – seine nicht, aber auch meine nicht.
Ich kann ihn auch körperlich nicht mehr spüren.

Einige Menschen haben versucht, mir einzureden, er wäre noch hier, in dem Haus, das mittlerweile mein Haus geworden ist. Und das von Senta, meiner Berner Sennenhündin. Sie prüft jeden Besucher – und zeigt mir sehr schnell, wenn jemand nichts als Liebe meint, wenn er dieses Haus betritt. Senta liebt ihn sofort.

Meine Liebe zu Hans Christian hat ein neues Stadium erreicht: sie ist transzendent geworden. So wird sie ewig bleiben.

Aber die Liebe bleibt …“ heißt es in dem Lied von Nana Mouskouri, das auch im Beerdigungsgottesdienst erklang. Sie bleibt, aber sie verändert sich. Und eine neue Liebe wird möglich. Auch wenn es heißt: un bonheur c’est tout le bonheur – deux, c’est comme n’existait plus.

Die ewige Liebe ist im Reich der Ewigkeit: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

RoseSchon als meine Mutter 1997 starb, schrieb ich in der Danksagung: „Meine Mutter hat mit Optimismus, Herzlichkeit und Humor das Leben gemeistert. Sie hat mir durch ihr Vorbild Liebe und Kraft für ein ganzes Leben gegeben.“

Und in der Danksagung nach Hans Christians Tod schrieb ich: „Schließlich danke ich meinem Hans Christian für die Liebe, die er mir geschenkt hat, für die Geduld, die ich durch ihn gelernt und die Kraft, die ich durch ihn gewonnen habe. Die Erinnerungen an die glücklichste Zeit meines Lebens mit meiner großen Liebe werde ich nie verlieren.“

In der Trauungszeremonie, beim Versprechen für das gemeinsame Leben, hieß es: „Bis dass der Tod uns scheidet.“ Unser gemeinsames Leben, die glücklichste Zeit meines bisherigen Lebens, hatte bei dem feierlichen Trauergottesdienst am Valentinstag einen würdigen Abschluss gefunden. Hier erklang auch das Lied „Aber die Liebe bleibt“, das wir beide so gerne gemocht hatten:

Zeit wird Raum, aber die Liebe bleibt
Wunsch wird Traum, aber die Liebe bleibt
Wenn uns auch das Leben vieles nahm
Was ich von dir bekam das werd ich nie verlieren
Der Schmerz vergeht, aber die Liebe bleibt
Und gibt der Hoffnung einen Sinn
Was die Welt in goldene Bücher schreibt
Macht nicht wirklich reich, aber die Liebe bleibt
(V. Cosma/ N. Gimble/ M. Kunze)

Was bedeutet das? Was bedeutet die „ewige Liebe“?

Es war Liebe – bis weit über seinen Tod hinaus.
Ich musste die Liebe zu mir selber erst mühevoll lernen.

Und ich sagte mein ganz persönliches Dankeschön:

„Danke, dass Du gegangen bist. Du hast mich verlassen, aber Du bist weiterhin ein Teil von meiner Welt. Dass Du gegangen bist, ist für uns beide das Beste. Für Dich war es gut, weil es Dir nun besser geht dort, wo Du jetzt bist. Und für mich war es auch gut, damit ich mein Leben wieder leben kann. Ich wurde erlöst von der schweren Last – Abschied zu nehmen von Dir, während Du noch da warst. Von der Last der Pflege und der Last, immer optimistisch und positiv gestimmt zu sein, obwohl ich tief in mir oft verzweifelt war.“

Ich bin dankbar, denn das Leben liebt mich, und ich liebe das Leben.

Ich trage die Macht in mir, eine neue positivere Wirklichkeit zu erschaffen. ich habe mein Denken bezüglich Schmerz und Verlust geändert. Das bedeutet nicht, dass ich keinen Schmerz, keine Trauer mehr empfinde. Es bedeutet einfach, dass ich nicht in diesen Gefühlen stecken bleibe. Ich habe mir die Zeit genommen, das Ende dieser Ehe zu betrauern. Erst im Oktober 2015 wurde mir klar, dass diese Ehe endgültig zu Ende war und etwas Neues für mich begonnen hatte.

Jedem Abschied folgt ein Neubeginn.
So zitierte ich aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse:

„Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Dieser Tage half mir auch ein Text von Louise Hay, die in ihrem Buch „Heile dein Herz“ sagt: „Wir wollen die Liebe ehren, nicht den Schmerz und das Leiden.“ In Zeiten der Sorge können wir neue Hoffnung haben, von Kummer und Schmerz können wir in den Frieden gelangen und unser Herz heilen. Wir müssen nicht bis an unser Lebensende leiden, aber die Heilung geht auch nicht über Nacht.

Das ist wohl wahr – auch ich neigte dazu, in der Vergangenheit, in Trauer und Schmerz verhaftet zu bleiben. Ich habe lange Zeit nicht bemerkt, dass ich eine sehr glückliche Zeit erlebte, dass die Liebe wieder Raum in meinem Leben gewonnen hatte. Irgendwann erkannte ich, was es wirklich bedeutet, wenn man einem Menschen, den man liebt, wünscht, er möge in Frieden ruhen. Er lebt nicht mehr in meiner Welt, aber in einer anderen Welt, wo es ihm gut geht.

Das Leben kann nicht sterben. Seelen sterben nicht. Das Leben hat seinen eigenen Sinn, seinen eigenen Rhythmus. Es verläuft meist nicht so, wie wir es erwarten. Oft bringt es Veränderungen, die uns aus dem eigenen inneren Frieden herausreißen. Wir würden es lieber vermeiden, weil auch die Veränderung Schmerz mit sich bringt. Und wir brauchen viel Geduld, viel Zeit, bis die Seele sich wieder öffnen kann nach dem Schmerz von Verlust und Trauer. Und eines Tages entdecken wir die Wahrheit über das Leben. Egal was geschieht: Ich kann mein Herz heilen. Ich kann wieder lieben. Oder immer noch. Denn die Liebe hört niemals auf.

Ich habe es erfahren, durch Schmerz zum Glück zu kommen, mit Hilfe der Musik. Und ich schrieb in meinem Blogartikel vom 8. August 2015: „Ich glaube allerdings, dass Glück ohne Trauer gar nicht sein kann – nur wer auch die Schattenseiten erlebt hat, kann wirkliches Glück empfinden. Ja, es ist wohl so: Glück wird erst durch Leid zum Glück – und es ist notwendig, dass wir durch den Schmerz gehen, weil wir dann das Leben viel besser annehmen und uns gelassener auf den Moment einlassen können.

Seitdem suche ich immer wieder Orte auf, an denen ich mit meinem Mann glücklich gewesen bin. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit ihm eine solch erfüllte Zeit und all das Schöne erleben durfte. Ich erfahre vieles auf eine neue, aber auch sehr schöne Art und Weise. Das zeigt, dass man selbst nach Leid, Schmerz und Trauer eine neue gute und glückliche Zeit erleben kann.“

Ewige Liebe – bei dem Philosophen Wilhelm Schmid fand ich den Begriff der transzendenten Liebe: „Auf dieser vierten Ebene (nach körperlich, Gefühle, Gedanken) besteht die Liebe darin, nur noch Liebe zu sein. Da jedoch die gewöhnliche Wirklichkeit dabei überschritten wird, kann der ungewöhnlichen Erfahrung der Name der Transzendenz gegeben werden.“ … „Dieser Ewigkeitsmoment, dieses Unsterblichkeitsgefühl ist wohl das Mysterium der Liebe, nach dem viele suchen.“

Das Mysterium der Liebe – das war es offenbar, was mir all die Jahre die Kraft gegeben hat, meinen Mann zu pflegen und zu behüten, bis zu seiner letzten Stunde. Denn von seiner Liebe war oft nicht mehr viel zu spüren …

Wilhelm Schmid spricht von einem Gegenpol zur Dimension der Endlichkeit und Wirklichkeit: Eine unendliche Dimension, die von Energie und somit von Möglichkeiten erfüllt ist.

Und so kreierte ich den Spruch: „Eines Tages fahren wir über das weite Meer in die Unendlichkeit, immer den Sternen nach.“

Erst heute schaute ich wieder am Strand von Fehmarnsund auf das weite Meer und den Horizont, dessen Begrenztheit wir Lebenden nicht erkennen können. Obwohl es dort hinter dem Horzont ein anderes Leben, eine andere Welt geben soll, in der wir die Verstorbenen eines Tages vielleicht wiedersehen können.

Leben_ist_Mee(h)r_2016_Postkarten16Aber die Liebe bleibt

 

 

 

Perspektivenwechsel

IMG_7834Schon lange wollte ich in die Berge – zunächst vor allem nach Armentarola in den Dolomiten, aber das ging ja nicht, weil Senta nicht Auto fahren wollte.

Kurz nach Ostern bekam ich Zahnprobleme – eine ehemalige Klassenkameradin hatte noch am Osternsonntag geschrieben: „Vielleicht, Beate, musst auch Du einfach mal raus und andere Menschen hören und sehen?“ Denn ich war schon wochenlang krank. Ich fuhr Ende April zum ersten Male wieder nach Bamberg, um mich bei meinem früheren Zahnarzt behandeln zu lassen. Senta blieb in der Zeit bei meiner Hundefreundin Karin und war dort sehr gut aufgehoben und behütet.

Im Juli sollte der dritte Zahnarztbesuch stattfinden, ohne größere Behandlung – und ich wusste, dass Karin Urlaub hatte. Ich dachte immer wieder über meinen Traum nach, in die Berge zu fahren. Ich wollte einfach mal die Welt aus einer anderen Perspektive sehen … und so bat ich Karin, Senta ein paar Tage länger zu betreuen und buchte einige wenige Tage in dem Hotel in Seefeld, wo ich so oft mit Hans Christian gewesen war. Das war von Bamberg nur drei Stunden entfernt, aber auf der Rückreise würde ich 1040 km bis Fehmarn fahren müssen – mehr als ich je zuvor an einem Tag mit dem Auto gefahren war.

Vom Mut her wäre ich auch nach Armentarola gefahren – aber da wäre die Rückfahrt noch länger geworden. Also verwirklichte ich erst einmal den ersten Schritt von meinem Traum, in die Berge zu fahren. Ich überlegte mir einfach, dass ich die Rückfahrt in vier Etappen zu je 260 km machen könnte und stellt mir die Strecke genau vor. Das müsste doch möglich sein.

Und so war ich dann am 23. Juli schon vor 9 Uhr morgens unterwegs von Bamberg in Richtung München. Mir wurde bewusst, dass eine solch frühe Abfahrt bei den letzten Reisen mit meinem Mann gar nicht möglich gewesen wäre – und ich genoss zum ersten Mal die Leichtigkeit meines neuen Lebens und dass ich alleine und unabhängig war. Wir waren oft von Bamberg nach Seefeld gefahren, und so erinnerte ich mich während meiner Autofahrt an jedes Hotel und jede Raststätte an der Strecke, wo wir mal gewesen waren, an alle glücklichen und vor allem an die eher unangenehmen Erlebnisse. Teilweise hatte ich reale Bilder im Kopf und auch die Gedanken von damals.

Bald war ich in Seefeld angekommen, checkte im Hotel ein und ging los, einfach so, quer durch den Ort zum Gschwandtkopf, meinem früheren Lieblingsberg, wo ich immer zum Skifahren gewesen war. Wann hatte ich das zum letzten Mal machen können! Als erstes traf ich mitten in Seefeld einen Berner Sennenhund, und dann noch einen am Gschwandtkopf. Ich wanderte über die Hügel zum Pfarrhügel, wo mächtige Felsen einen Kreuzweg markierten. Ich genoss die Aussicht auf die Berge und mein unbeschwertes Herumschlendern – das war in unseren letzten Aufenthalten hier nicht mehr möglich gewesen.

IMG_7797Am nächsten Tag war herrliches Wetter und ich beschloss, mit der Standseilbahn zur Rosshütte hinaufzufahren. Das hatte ich zum letzten Mal lange vor den Urlauben mit Hans Christian gemacht, als ich noch zum Skilaufen in Seefeld war, denn er hätte Angst gehabt, mit einer Seilbahn zu fahren. Die Bergstation liegt etwa 1800 m hoch über Seefeld, das eine Höhe von 1200 m hat. An diesem Tag war es sehr heiß und so kaufte ich gleich auch eine Fahrkarte für die Talfahrt.IMG_7867Von der Seilbahn aus sah ich einen wunderschönen See, den ich nicht kannte, da ich im Sommer noch nicht dort oben gewesen war. An der Bergstation genoss ich die Aussicht auf Seefeld, die umliegenden Berge, das Zugspitzmasiv und den Karwendel, hinunter ins Inntal und in die anderen Täler. Es war grandios. Etwas unterhalb waren Kühe auf der Alm und noch weiter unten sah ich den See und eine hübsche Almhütte. Und so beschloss ich, zu Fuß hinunter zu wandern.

IMG_7813IMG_7843Die wechselnden Ausblicke waren einfach grandios – wie lange hatte ich es vermisst, so von oben herab auf die Erde zu schauen. Das Leben erschien plötzlich in einer ganz anderen Perspektive – vieles wurde unwichtig und klein, anderes dafür umso bedeutsamer. Ganz leicht fiel mir der Abstieg – obwohl ich überhaupt keine Bergerfahrung habe. Nur eine Stunde bis Seefeld, so stand es auf dem Wegweiser. IMG_7835Und schon war ich an dem wundervollen See, in dessen stillem Wasser sich die mächtigen Berge spiegelten. Langsam umrundete ich den See, bewunderte die Natur, die Blumen, die Insekten und die Schmetterlinge. Und immer wieder die Spiegelbilder der Berge. Mir kam der Gedanke an die höhere Macht, die unser Leben leitet. In der Stille dieser grandiosen Umgebung entstanden keine neuen Gedanken und kamen keine alten Gedanken hervor, ich war einfach da, alleine mit mir und der Natur.

IMG_7876IMG_7874Bis ich am Ausgang wieder einen Berner Sennenhund traf und den zugehörigen Leuten erzählte, dass ich auch einen hätte – zu Hause.

IMG_7924IMG_7856Frohen Mutes wanderte ich zu der nahen Almhütte, wo ich eine herrliche Rast mit grandiosem Ausblick einlegte – mit Käsespätzle und einem guten Weißwein. IMG_7954Der weitere Abstieg war ganz leicht, und als ich schließlich wieder in meinem Hotel angekommen war, hatte ich über 12 km zurück gelegt – mehr, als ich jemals in den vergangenen Monaten oder sogar Jahren an einem Tag gelaufen war. Ich war stolz auf mich und meine Kraft und Ausdauer – nur ein wenig traurig, weil Senta nicht dabei gewesen war.

Am nächsten Tag, meinem letzten Urlaubstag, wollte ich mich etwas schonen und plante, den Wildsee zu besuchen. Gabi, die Seniorchefin des Hotels, gab mir den Hinweis, über den Pfarrhügel zu gehen – dort, am Ende des Kreuzweges, sei einer der stärksten Kraftorte Tirols. Ich war schon am ersten Tag dort gewesen, ohne das zu wissen. Also ging ich nochmals den Pfarrhügel hinauf, vom Dorfplatz neben der Kirche nach oben und kam zu dem Platz mit den 12 Stelen, in deren Mitte ein riesiger Felsbrocken das Grab Christi symbolisierte.

IMG_7991An dieser Stelle – eigentlich mitten im Ort – kann man so stehen, dass man nur die Berge, aber kein einziges Haus sieht. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie nahe ich hier dem Himmel war – aber ich spürte nur eine enorme Kraft in mir, spürte eine feste Verbindung zur Erde, sah die seit vielen Jahren vertrauten Berge ringsum, den Wildsee ganz unten und fühlte das Glück dieses Aufenthaltes in dieser wundervollen Umgebung.

IMG_7985 Ich blickte Richtung Italien – dort, wo die ganz hohen Bergketten zwischen den Wolken zu sehen waren, wo es nicht weit zum Brenner und zum Übergang in die Dolomiten war.  Ich dachte an meinen Wunschtraum, eines Tages nach Armentarola zu fahren, um dort, ganz oben in den Bergen, meinem verstorbenen Mann ganz nahe zu sein. IMG_7987Ich wanderte hinunter zum See, machte dort eine Rast und schaute hinauf zur Roßhütte, wo ich gestern noch gewesen war. Dann wanderte ich rund um den See, erinnerte mich, wie ich vor vielen Jahren im Winter hier mal Eichhörnchen gefüttert hatte, und auch, wie ich mit meinem Mann einmal um den See gelaufen war.

IMG_8028IMG_8055Am Abend hatte ich einen ausgiebigen Klönabend mit Gabi, der Seniorchefin des Hotels, mit der ich mich vor 12 Jahren angefreundet hatte. Wir sprachen über das Leben, über unsere Erinnerungen, über die Liebe und über das, was uns heute bewegt. Und mit einem Mal merkte ich, dass ich durch die drei Tage in Seefeld so viel Kraft, so viel Zuversicht und neuen Mut gewonnen hatte. Ich spürte keine Trauer mehr um das, was nicht mehr war, sondern war glücklich über mein neues Leben, das hier begonnen hatte.

Am nächsten Morgen brach ich fröhlich auf zu meiner 1040 km langen Rückfahrt, fuhr über die vertrauten Autobahnen – und begann eine Übung, die mir das neue Leben erleichtern sollte: Ich versuchte, alle negativen Bilder in meinem Kopf, alle trüben Gedanken an die Vergangenheit durch neue, positive Bilder und optimistische Gedanken zu ersetzen. Ganz bewusst holte ich schöne Erinnerungen hervor, ersetzte Bilder von unangenehmen Erlebnissen durch Glückmomente, freute mich an der wunderschönen Sommerlandschaft und dachte an jedem Erinnungsort nur noch an gute Momente. Ich machte meine geplanten Pausen, hatte Glück, in keinen Stau zu geraten und kam nach gut neun Stunden Autofahrt guter Dinge zurück auf meine geliebte Insel Fehmarn, wo mich Senta zu Hause schon freudig erwartete.

Nun bin ich frei für die nächste Lebensphase, für mein eigenes Leben, in dem ich wieder glücklich sein kann. Es ist gut, mal die Perspektive zu wechseln, mal auf die Berge hinauf zu fahren und auf die Welt dort unten zu blicken. In den nächsten Wochen spüre ich mich selber wieder, fühle die Kraft und die Liebe in mir, die mir schon meine Mutter, und später Hans Christian geschenkt hatten. Ich lebe nicht mehr mit einem Verlust, sondern genieße die Fülle meines eigenen Lebens – auch wenn es immer wieder Momente der Trauer gibt.

Ich kann mich wieder an wundervoller Musik erfreuen, spüre die Zuneigung meiner Freunde, bin wieder empfänglich für all die Zeichen der Liebe, die ich bekomme. Senta wird immer mehr zu meiner Seelengefährtin und wir beide gehen jeden Tag zum Meer, um die Stimmungen dort zu genießen, die Sonnenuntergänge und Lichtwirkungen am Wasser. Und ich erzähle ihr immer wieder von den Bergen, in denen ich beim nächsten Mal mit ihr zusammen wandern möchte.

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Brahms – Endlich loslassen

Brahms-SonatenEin Freund hatte mich eingeladen zu diesem Konzert: Die drei Sonaten für Violine und Klavier von Johannes Brahms, gespielt von dem spanischen Geiger Abel Tomàs und dem israelischen Pianisten Amir Katz.

Schon lange hatte ich tief in mir gespürt, dass sich vieles änderte in meinem Leben. Ich wollte sie loslassen – meine Geige, die ich seit nunmehr 40 Jahren besitze. Eine wunderschöne französische Violine des Geigenbauers Georges Apparut aus dem Jahr 1944 – 71 Jahre alt ist sie inzwischen. Ich hatte lange gespart, neben dem Studium gejobbt und sie mir dann gekauft, um mein Examensprogramm im November 1975 auf einer wirklich schönen Violine spielen zu können: Die erste Solosonate in G-moll von Johann Sebastian Bach, die Romanze F-dur von Ludwig van Beethoven – und die Sonate G-dur von Johannes Brahms.

Schon im Januar 2007 hatte ich während der Mozartwoche in Salzburg einen ganz jungen Geiger erlebt, der das Violinkonzert G-dur von Wolfgang Amadeus Mozart so schön spielte, dass mir die Tränen vor Rührung kamen – und vor Wehmut, denn dieses Konzert hatte ich auch in meinem Studium an der Kölner Musikhochschule gespielt. Damals wusste ich noch nicht, dass schwere Jahre auf mich zukommen würden, in denen ich meine schöne Violine kaum noch in die Hand nehmen würde.

Irgendwann in diesem Sommer sah ich Anne-Sophie Mutter im Fernsehen – begleitet von ihren jugendlichen Musikern – und ich entschloss mich, meine Geige loszulassen, damit künftig jüngere Musiker darauf spielen könnten. Die Stiftung von Anne-Sophie Mutter hatte gerade ein Instrument erworben und verwies mich an die Deutsche Stiftung Musikleben in Hamburg. Irgendwann im August hörte ich Anne-Sophie Mutter mit der Violinromanze F-dur von Beethoven im Radio – und wollte diesen Blog schreiben. Aber so einfach ist das nicht mit dem Loslassen.

IMG_8173Warum eigentlich? Warum möchte ich meine schöne alte Geige verkaufen? Ich habe sehr schöne und auch schwere Stücke gespielt – vor 40 Jahren. Heute könnte ich, wenn überhaupt, nur noch ganz einfache Stücke spielen, aber mit wem? Ein Geiger braucht (fast) immer andere Musiker, um Musik zu machen: einen Pianisten, Quartettpartner oder ein Orchester.

Die Romanze habe ich vor vielen Jahren öffentlich mit einem Kammerorchester aufgeführt – heute wäre das undenkbar für mich, nicht nur wegen meines aktuellen Wohnortes auf der Insel Fehmarn. In Liebhaberorchestern und mit Feierabend-Streichquartetten möchte ich nicht (mehr) spielen. Zu engagiert war ich während der Studienzeit in ambitionierten Jugendorchestern und ehrgeizigen jungen Streichquartetten, in denen ich gerne die Bratsche spielte. Meine Bratsche aber habe ich bereits vor über zehn Jahren verkauft, an eine begabte junge Musikerin, die sehr glücklich über das schöne Instrument war.

Ja und außerdem habe ich in den letzten Jahren meine Berufung gefunden: das Glück des Büchermachens. Die Musik war ganz in den Hintergrund getreten, auch wegen der Krankheit meines inzwischen verstorbenen Mannes. Am Himmelfahrtstag 2014 hatte ich sie für mich wiederentdeckt, als die Frage gestellt wurde: „Was ist der Himmel für dich?“ Ich habe damals geantwortet: „Für mich bedeutet er Freiheit, Liebe, Grenzenlosigkeit – und Musik.“

Seite18 aus Leben_ist_Mee(h)r_2015Nun also bekam ich die Einladung zu diesem Konzert, in dem die drei Brahms-Sonaten gespielt werden sollten. Brahms ist seit eh und je mein Lieblingskomponist, und die Sonate G-dur, die sogenannte „Regenlied-Sonate“, liebe ich seit Jahrzehnten, nicht nur, aber auch, weil ich sie selber gespielt hatte.

Bei jedem Glück gibt es einen Wermutstropfen – mir wurde klar, dass der Konzerttermin, der 10. Oktober, mit dem „Kennenlerntag“ zusammenfiel, den ich immer mit meinem verstorbenen Mann gefeiert hatte. Anscheinend muss das Leben uns erst immer Schmerzen bereiten, bevor wir wirkliches Glück empfinden können. So hatte ich in einem Blogartikel geschrieben:

„Ich glaube allerdings, dass Glück ohne Trauer gar nicht sein kann –
nur wer auch die Schattenseiten erlebt hat, kann wirkliches Glück empfinden.“

Nach einem Sturz und längerem Klinikaufenthalt mit schmerzhaftem Unterkieferbruch gab es für mich nur ein Ziel: dieses wundervolle Konzert am 10. Oktober mit den Brahms-Sonaten zu erleben. Vielleicht wäre das Glück ohne diesen Unfall zu selbstverständlich geworden? In der Klinik hatte ich viel Zeit zum Nachdenken – über das Loslassen. „Indem ich die Vergangenheit loslasse, können Neues, Frisches und Vitales eintreten“, las ich in einer Affirmation von Louise Hay – wodurch ich erst einmal aufmerksam wurde, dass es etwas zum Loslassen gab. „Liebevoll lasse ich die Vergangenheit los. Die anderen sind frei und ich bin frei. Alles ist gut in meinem Herzen“, hieß es in einer Affirmation gegen Schmerzen.

Nicht nur meine Geige würde ich loslassen an diesem Tag – auch die Ehe mit meinem verstorbenen Mann: „Bis dass der Tod uns scheidet“ – hatten wir uns bei der Trauung versprochen, als wir uns die Ringe aufsetzten. Auch wenn ich es noch so sehr gewollt hätte, es hätte nichts genützt. Diese Ehe ist vorbei. Was geschehen ist, ist vorbei und lässt sich nicht mehr ändern. Nach Hans Christians Tod hatte ich seinen Ring an mich genommen und meinen weiterhin getragen. Trauer, Ängste, Schuldgefühle hielten mich immer noch ein wenig in der Vergangenheit fest. Nunmehr haben beide Ringe einen sehr schönen Platz bekommen.

Loslassen hat immer auch mit Abschied zu tun: Abschied von der Jugend- und Studienzeit, Abschied von Sachen, Abschied von Überzeugungen und Ideen, Abschied von einer Ehe, von einer glücklichen Lebensphase, Abschied von einer schlimmen Zeit, Abschied von einem geliebten Menschen.

Aber jedem Abschied folgt am Neubeginn. So zitierte ich wieder einmal aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse:

„Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

IMG_8168Am Abend dann endlich das Konzert – in der zweiten Reihe war ich den beiden großartigen Musikern Abel Tomàs und Amir Katz ganz nah. Sie begannen mit der Sonate G-dur von Johannes Brahms, der Regenlied-Sonate. Unglaublich – ich konnte mich an jeden einzelnen Ton, an jeden Zusammenklang, an jede winzige Emotion in diesem Stück erinnern. 40 Jahre war es her, dass ich dieses Stück mit einem begnadeten Pianisten in der Kölner Musikhochschule gespielt hatte – aber statt Wehmut und Trauer erfüllte mich ein unglaubliches Glücksgefühl, ein inneres Strahlen über die Schönheit dieser Musik und die so lebensvolle und emotionale Interpretation durch die beiden jungen Musiker.

IMG_8171Es folgten die Sonate A-dur und nach der Pause dann die Sonate D-moll – die beiden Musiker steigerten sich nochmals – es war ein absoluter Höhepunkt dieses wunderschönen Abends. Der Applaus wollte gar kein Ende nehmen, und so gab es als Zugabe noch ein Scherzo von Brahms und ein ruhiges, besinnliches Abendlied.

IMG_8172Am Ende dieses Konzertes hatte ich losgelassen – es war überhaupt nicht schwer. In der Konzertpause formulierte ich meinen Wunsch ans Universum, ans Leben, das einem doch immer alle Wünsche erfüllt:

Ich möchte einen jungen Musiker finden, der auf meiner schönen Geige wundervolle Musik spielt. Vielleicht kann er sich die Geige selber kaufen, oder es findet sich ein Musikliebhaber, der ihm diese Geige zur Verfügung stellt. Ich weiß schon jetzt, dass nicht der Geldbetrag den Ausschlag geben wird, wem ich meine Geige verkaufe, sondern eine andere Währung: die des Herzens – und die der Musik.

IMG_8170 IMG_8169Übrigens habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Loslassen an sich gar nicht schmerzhaft ist. Wirklich schmerzhaft ist die lange Zeit davor, in der man zögert, die Entscheidung darüber zu treffen.

Wenn wir dann endlich losgelassen haben, bekommen wir wieder Energie für Neues. Wenn wir erkennen und akzeptieren, dass sich alles, was uns umgibt, ständig verändert, können wir den Wandel begrüßen! In jedem Moment ändert sich unser Leben, ohne dass wir Einfluss darauf haben. Ständig bekommen wir neue Ideen, lernen neue Menschen kennen, erleben neue Situationen, von denen wir uns bereichern lassen können.

IMG_9741Ich habe heute Abend eine wunderbare Abendstimmung am Meer erlebt, die zu meiner heutigen Stimmung passte. Eine Facebook-Freundin schrieb dazu:

„Abendfrieden. Nur dasitzen und warten, bis die Sonne untergeht.
Da hat kein störender Gedanke mehr Platz.“
(Helga Mildenberger)

Ja, so ist es auch nach dem Loslassen.
Und dann kann man Brahms wieder mit ganz anderen Ohren hören.

IMG_9743„Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser;
Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind!“
(Johann Wolfgang von Goethe)

Das Konzert – durch Schmerz zum Glück

IMG_8363Vor vier Wochen habe ich das Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein-Musikfestivals (SHMF) in Lübeck besucht. Drei Jahre lang hatte ich mich nicht mehr für diese Konzerte interessiert. Als ich 2010 mit meinem Mann nach Fehmarn zog, waren wir Förderer des SHMF geworden und bekamen wirklich gute Plätze für einen Rollstuhlfahrer und seine Begleitung. Das Eröffnungs- und das Abschlusskonzert standen natürlich auf unserem Programm, auch im zweiten Jahr. Ich hatte da nur gesehen, dass die Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg gespielt werden sollte – eine angenehme unterhaltende Musik. Denn meinem Mann ging es 2012 nicht mehr so besonders, schon die Fahrt nach Lübeck war für ihn und für mich mit viel Stress verbunden.

Angekommen im überfüllten Foyer der Musik- und Kongresshalle rief mein Mann, der solche Menschenansammlungen nicht mehr gewohnt war: „Ich kann nicht mehr“. Das machte er öfter, und es war eigentlich nicht so schlimm. Aber es kamen sofort Leute, die uns helfen wollten, das war mir unangenehm. Dann sah ich, dass das Konzert vom Rundfunk aufgezeichnet werden sollte und keine Pause vorgesehen war. Die üblichen Rollstuhlplätze waren etwas verändert, und ich sprach mit einem Saaldiener, damit er mir einen Stuhl neben den Rollstuhl meines Mannes stellte. Als das Konzert begann, merkte ich, warum neben dem Sinfonieorchester auch ein großer Chor und der Schauspieler Klaus Maria Brandauer auf der Bühne standen: Peer Gynt wurde szenisch aufgeführt – wir aber hatten keine Ahnung von der Handlung des Schauspiels. Mein Mann fragte immer wieder, was da los sei, denn er verstand es nicht, was gesagt und gesungen wurde. Ich auch nicht, genau wie viele andere Konzertbesucher – aber die sagten es nicht, jedenfalls nicht laut.

Irgendwann verließ ich mit meinem Mann den Saal, schob wütend seinen Rollstuhl zum Auto, stellte Musik von meinem iPhone an und fuhr los (später bekam ich ein „Knöllchen“ für zu schnelles Fahren). Ich sagte nichts, denn mein Mann konnte ja nichts dafür – und als wir nach einigen Kilometern links neben der Autobahn einen schönen Sonnenuntergang sahen, sagte ich: „Weißt Du, wenn wir jetzt noch in dem (bl …) Konzert wären, hätten wir nie diesen wundervollen Sonnenuntergang erlebt.“ Zuhause angekommen warf ich alle anderen Konzertkarten für diesen Sommer in den Papierkorb. Später ging es meinem Mann schlechter und wir besuchten keine Konzerte mehr.

Die Prospekte vom SHMF bekam ich weiterhin, aber schaute sie nie mehr an. Im Frühjahr 2014, kurz nach dem Tod meines Mannes, hatte ich ein Passionskonzert mit dem NDR-Orchester und NDR-Chor in Lübeck besucht und eigentlich keine große Freude daran gehabt, obwohl das Rollstuhlschieben und der Transport mit dem Auto nun nicht mehr notwendig waren. Mein Mann fehlte mir einfach bei diesem Konzertbesuch.

In diesem Jahr aber hörte ich eines Tages im Radio ein Interview mit dem Dirigenten des NDR-Orchesters, Thomas Hengelbrock, der über das bevorstehende Eröffnungskonzert berichtete. Noch während des Interviews kaufte ich mir eine Karte im Internet, und dann auch gleich noch eine für das Abschlusskonzert in Kiel. Guter Dinge fuhr ich am 12. Juli nach Lübeck und genoss die Atmosphäre im Foyer mit ganz viel Prominenz und Rundfunkstudio.

IMG_8362Den ersten Stich spürte ich, als ich eine Frau sah, die ihren Mann im Rollstuhl durch die Menge schob. Meinen Platz im Konzertsaal hatte ich bewusst so gewählt, dass er entfernt von der Stelle war, wo wir damals gesessen hatten. Ich hatte einen wundervollen Blick auf die Bühne und den Flügel – denn es sollte ein Klavierkonzert von Mozart gegeben werden. Nur ein dicker Mann in der Reihe vor mir irritierte mich etwas, über den ich später nach der Pause noch ärgerlich wurde, weil er mit Brötchen und Getränk hereinkam und dann während der wundervollen Sinfonie von Brahms genüsslich mampfte und trank.

IMG_8364Noch viel mehr irritierte mich aber, dass ein paar Reihen vor mir auf der linken Seite mehrere Rollstuhlfahrer saßen – und ich erinnerte mich, dass wir dort Abonnementsplätze gehabt hatten, bevor wir dann keine Konzerte mehr besuchten.

Es war ein Sinfoniekonzert mit einer jungen Pianistin gewesen, die ein Klavierkonzert spielen wollte. Als alles still war im Saal und sie mit dem Dirigenten nach vorne ging, sagte mein Mann laut und deutlich: „Ich kann nicht mehr“. Ich war das ja gewohnt, und eigentlich wäre es auch nicht schlimm gewesen, wenn nicht eine Frau hinter uns immer wieder gesagt hätte, wir sollten doch die Sanitäter holen, wenn es meinem Mann so schlecht ging. Er aber brauchte eigentlich nur Beethoven. Das verstand die besorgte Frau aber nicht.

All das ging mir an diesem Abend, als ich das diesjährige Eröffnungskonzert hörte, durch den Kopf. Lauter unangenehme Erinnerungen, die sich auch mit einem schlechten Gewissen mischten – denn mein Mann konnte doch nun wirklich nichts dafür, dass er krank gewesen war. So gerne hatten wir immer zusammen Konzerte besucht.

Ich erkannte, dass ich durch den tiefen Schmerz der Erinnerung gehen musste, dass ich negative Gedanken zurückweisen und durch positive Gedanken ersetzen musste, damit ich das Konzert mit dem wundervollen Programm endlich genießen konnte. Ich glaube, es war dann schließlich im zweiten Satz der Brahms-Sinfonie so weit, dass ich das Glück dieser unglaublich schönen Musik empfinden konnte und ganz entspannt war. Ich konzentrierte mich auf die positiven Erinnerungen, denn ich hatte mit meinem Mann zusammen unzählige schöne Konzerte an den ganz großen Stätten des Musiklebens besucht.

IMG_8365Es war ein wundervolles Konzert und ich freue mich schon auf das Abschlusskonzert in Kiel, bei dem das Requiem von Verdi aufgeführt wird.

Später schrieb ich in einer Mail:
Ich glaube allerdings, dass Glück ohne Trauer gar nicht sein kann – nur wer auch die Schattenseiten erlebt hat, kann wirkliches Glück empfinden.

Ja, es ist wohl so: Glück wird erst durch Leid zum Glück – und es ist notwendig, dass wir durch den Schmerz gehen, weil wir dann das Leben viel besser annehmen und uns gelassener auf den Moment einlassen können.

Seitdem suche ich immer wieder Orte auf, an denen ich mit meinem Mann glücklich gewesen bin. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit ihm eine solch erfüllte Zeit und all das Schöne erleben durfte. Ich erfahre vieles auf eine neue, aber auch sehr schöne Art und Weise. Das zeigt, dass man selbst nach Leid, Schmerz und Trauer eine neue gute und glückliche Zeit erleben kann.

Ein Jahr ohne Dich – aber die Liebe bleibt

Hans Christian KopieZeit wird Raum, aber die Liebe bleibt
Wunsch wird Traum, aber die Liebe bleibt
Wenn uns auch das Leben vieles nahm
Was ich von dir bekam das werde ich nie verlieren
Der Schmerz vergeht, aber die Liebe bleibt
Und gibt der Hoffnung einen Sinn
Was die Welt in goldene Bücher schreibt
Macht nicht wirklich reich, aber die Liebe bleibt

In Erinnerung an
Hans Christian
19.12.1937 – 10.02.2014

Ein Jahr ist es her, dass Du uns verlassen hast. Du hast Dich auf eine Reise begeben, bist dem Stern nachgefahren, der am frühen Morgen des 10. Februar hell vom Himmel strahlte. Der Winter hatte Pause gemacht, es war ein Tag voller Frühlingsahnung. Die Klinik stand direkt am Strand der Ostsee – so, wie wir es immer gerne gehabt hatten auf unseren Reisen. Am Abend sah ich ein hell beleuchtetes Schiff in der Dunkelheit am Südstrand – es lief in den Hafen ein, genau zu dem Zeitpunkt, als Du Deine endgültige Reise angetreten hattest.

Senta und ich haben ein trauriges und doch gleichzeitig auch glückliches Jahr erlebt. Viele Tränen sind geflossen, wir haben häufig Dein Grab besucht. Ich war fast jeden Tag dort, Senta kam nur an besonderen Tagen mit – heute werden wir wieder dorthin gehen. Ich weiß, dass ich Dich dort nicht finde, aber es ist ein Ort, um mit Dir zu sprechen und auch eine Quelle der Kraft. Manchmal spürte ich Deine Zustimmung und Unterstützung und ich ging gestärkt nach Hause. Ich bin sicher, dass es Dir dort, wo Du jetzt bist, besser geht als in der Zeit zuvor – und das macht mich glücklich.

Wir haben die Feste gefeiert, wie in all den Jahren zuvor – nur ohne Dich. Aber Du warst immer dabei, in unseren Gedanken und in der Erinnerung. Und manchmal bist Du auch bei uns zu Hause – an manchen Abenden legt sich Senta direkt vor Deinen Sessel, das ist überhaupt ihr „geheiligter“ Platz. Dorthin geht sie, wenn sie etwas ganz Besonderes zum Abendessen bekommt, z.B. ein frisches Hähnchen. Und ich trinke jeden Abend ein Glas Sherry „auf diesen schönen Tag“ – genau wie wir es früher zusammen gemacht haben. Manchmal gehe ich nachts in den Garten und schaue nach dem hellsten Stern – ich stelle mir vor, dass Du uns von dort aus zusiehst. Nur in der Silvesternacht konnte ich keine Sterne sehen – das war traurig, denn ich hatte noch nie einen Jahreswechsel erlebt, ohne mit jemandem anzustoßen, den ich sehr lieb hatte.

Zuerst war ich traurig, weil Du all das Schöne nicht mehr miterleben konntest: wie unser „Hündchen“ erwachsen wird, wie mein Verlag wächst und Erfolge feiert, unser schönes Haus, den Garten, die Musik. Doch dann begann ich es zu genießen, und ich bin dankbar, dass ich all das Schöne durch Dich erfahren habe. Seit dem Himmelfahrtstag weiß ich, dass Musik für mich „der Himmel“ ist, und ich bin sehr glücklich darüber. Irgendwann im Herbst begann ich mich zu freuen über unser schönes Haus, den wundervollen Flügel und den Garten, an dem ich nun schon einiges verändert habe.

Und Weihnachten begann für mich das intensive Gefühl, dass ich mein Leben nun alleine gestalten und genießen kann – ohne Dich, aber in der Erinnerung an schöne Zeiten. Ganz in der Gegenwart und voller Freude auf das, was kommt. Irgendwann hatte ich im Radio die Ballade „The unquiet grave“ gehört, gerade auf der Fahrt zum Friedhof. Ein junger Mann trauert um seine große Liebe, aber sie beklagt sich, dass sein Weinen sie in ihrer friedlichen Ruhe stört. Er möchte mit ihr im Tod zusammen sein, aber sie sagt ihm, er solle das Leben genießen. Das wollte ich zunächst nicht annehmen, aber im Laufe der Zeit wurde ich mir immer mehr bewusst, dass ich weiterleben will auf der Grundlage unserer großen Liebe.

Nach Weihnachten ging ich nicht mehr jeden Tag zum Grab, und der Gedanke, dass wir uns einmal wiedersehen, hat sich auch ein wenig verändert. Ich glaube, dass der Tod zum Leben gehört, und dass wir die Menschen, die wir geliebt haben, einmal wiedersehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das nicht auch im Leben sein kann. Lange Zeit habe ich geglaubt, dass meine Mutter in der Gestalt von Senta zu mir zurück gekommen ist. Und heute glaube ich auch, dass Du eines Tages wieder in meinem Leben erscheinen wirst, ich weiß nur nicht, in welcher Gestalt. Ich bin gespannt darauf.

Unsere große Liebe überdauert die Trauer über Deinen Tod – ich bin glücklich über das, was ich mit Dir gemeinsam erlebt habe. Und ich bin glücklich darüber, dass ich mein Leben positiv gestalten kann, ohne dauernd zu jammern und zu klagen, dass Du nicht mehr da bist. Durch unser Zusammenleben habe ich Kraft und Liebe für mein weiteres Leben gewonnen.

Manche alten Freunde haben sich inzwischen aus meinem Leben verabschiedet, sie waren im Grunde schon nicht mehr unsere Freunde, als Du noch da warst. Ganz wenige alte Freunde aber standen immer zu uns, früher und auch heute. Dafür bin ich dankbar. Einige Freunde und Verwandte sind inzwischen auch gestorben, vielleicht trefft Ihr Euch dort, wo Du jetzt bist: Wolfgang, Hanjo, Frieder, Robert, Helga. Schön ist es für mich, dass ich neue Freunde gefunden habe, auch wenn einige schon bald wieder verschwunden sind. Das ist nicht schlimm, Freundschaft kann nur allmählich wachsen. Es ist wunderbar, dass der Spruch „der eine kommt, der andere geht“ sich immert wieder bewahrheitet.

Ich bin glücklich, dass ich dieses Jahr ohne Dich gut gelebt habe mit Senta, meiner treuen Begleiterin. Wir beide sind ein starkes Team geworden. Und wir wollen dieses Jahr zusammen verreisen, nach Armentarola und nach Seefeld. Dort oben in den Bergen treffen wir Dich ganz bestimmt, genauso wie hier zu Hause, wenn wir am nächsten Wochenende wieder den Kölner Karneval am Fernseher mitfeiern.

Zum Schluss soll noch einmal das schöne Lied von Nana Mouskouri erklingen, das ich zu Deinem 70. Geburtstag für Dich gesungen habe, und das bei Deiner Trauerfeier am Valentinstag in der Kirche gespielt wurde:

Aber die Liebe bleibt

Ewigkeitssonntag

RoseHeute war der Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt – in der evangelischen Kirche der Tag des Gedenkens an die Verstorbenen. Der Pfarrer unserer St. Petri Gemeinde in Landkirchen hatte mir einen netten Brief geschickt und mich zum Gottesdienst eingeladen. Denn am Ewigkeitssonntag werden alle Menschen aus der Gemeinde, die im vergangenen Kirchenjahr verstorben sind, noch einmal mit Namen genannt. Für jeden wird dann eine Kerze angezündet.

Ich habe mich über die freundliche Einladung gefreut, wäre aber sowieso heute zur Kirche gegangen. „Sie brachten im zurückliegenden Jahr einen Menschen zu Grabe, der zu Ihnen gehörte und Sie zu ihm“, so heißt es in dem Schreiben. „Die Erinnerung an das gemeinsame Leben ist noch nicht verblasst. Die Zeit heilt wohl Wunden, aber vergessen lässt sie nicht, Was geschieht wirklich mit uns, wenn wir sterben? Ist alle Vergangenheit ohne Hoffnung auf einen neuen Anfang?“

Der Gottesdienst war sehr schön, ich höre unseren Pfarrer immer gerne reden, und ich mag die Musik. Viel Musik gab es heute, Orgelmusik, Gemeindegesang und Gesänge des Kirchenchors. Mein Ort der Trauer jedoch liegt nicht in diesem Gottesdienst, sondern im täglichen Leben.

Ich habe meinen Hans Christian in mein Leben integriert, in unser Leben, denn Senta, meine Berner Sennenhündin, gehört dazu. Auch sie hat ihr Herrchen schmerzlich vermisst, und noch heute kommt sie manchmal in der Nacht in mein Schlafzimmer und sucht dort, wo er immer lag. Ich aber gehe fast jeden Tag zu seinem Grab, das gehört zum alltäglichen Ablauf dazu. Genau wie die dreizehn Rosen, die immer auf seinem Grab stehen.

Dreizehn Rosen für fast dreizehn Ehejahre. Nicht viel? Doch! Unendlich viel! So viel Glück, wie wir zusammen erlebt haben, seit wir uns vor 18 Jahren kennenlernten, erlebt kaum jemand in dieser Intensität. Ich erzähle ihm jeden Tag, was wichtig ist für mich. Und manchmal höre ich seine Antwort: „Ja, geh jetzt mal nach Hause und iss etwas! Pass auf Dich und das Hündchen auf!“ Und: „Mach Dir ein schönes Leben! Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Ich sage ihm immer, wie froh ich bin, dass es ihm gut geht, da wo er jetzt ist. Und dass ich ihn liebe – auf immer und ewig. Die Predigt heute hat mir bestätigt, dass dort in der Ewigkeit, bei Gott, Frieden ist und es unseren lieben Verstorbenen dort gut geht. Und ich habe mir gedacht, wie wichtig es doch ist, schon im Leben hier diesen Frieden zu spüren. Keine Last, keine Konflikte, kein Zank und Streit, einfach nur Harmonie und Frieden – in mir und um mich herum.

Wir leben heute doch in einer glücklichen Zeit, haben keine Kriegserlebnisse, die uns bedrücken, so wie es bei meinem Mann (Jg. 1937) war. Ein Trauma aus seiner Kindheit hatte ihn gequält, ihm Ängste und Albträume bereitet. Eine Zeitlang wollte er nicht mehr leben, er hatte wohl früh gemerkt, dass seine Kräfte – die körperlichen wie die geistigen – ihn verließen. Später aber wollte er 100 Jahre alt werden – denn er wurde gut versorgt, war nie mehr alleine, bekam Pflege und Betreuung durch viele liebe Menschen. Er hatte endlich die Liebe gefunden, die ihm als Kind im Krieg gefehlt hatte. Und die ihn zwei gescheiterte Ehen gekostet hatte. „Die dritte Ehe aber ist göttlich“, sagte er immer, und auch, wie glücklich er war, endlich die Liebe gefunden zu haben. Die wahre Liebe.

Und diese Liebe trägt mich weiter in der Zeit der Trauer. Sie lässt mich die Erinnerungen an unser schönes gemeinsames Leben bewahren, denn diese Erinnerungen sind kostbar. Die eher unschönen Erinnerungen verblassen so allmählich, wie es doch zum Glück immer ist im Leben. Man behält das Gute und vergisst das weniger Gute. Ich bin so dankbar für unsere gemeinsamen Jahre, für die wahrhaft lange Zeit unseres Glücks.

Man sagt immer: Du musst loslassen – so wurde es mir auch am Sterbetag meines Mannes gesagt. Die physische Existenz musste ich loslassen, aber Geist und Seele sind immer noch präsent. Ich achte auf Zeichen – ein funkelnder Stern am Nachthimmel, eine Rose, die noch im November wunderschön blüht, ein Schmetterling, der tagelang in unserem Wohnzimmer auf der Gardine saß.

Und wenn ich morgens wach werde, dann denke ich nicht: „Ich bin jetzt allein, er fehlt mir.“ Sondern ich freue mich darüber, dass ich diesen schönen Tag erleben darf, bin dankbar dafür, dass ich in der Nacht gut und friedlich geschlafen habe. Und manchmal höre ich ihn, wie er beim Wecken immer antwortete, wenn ich fragte, ob er gut geschlafen hätte: „Ich schlafe doch immer noch!“ Und ich erinnere mich an all die fröhlichen Morgenstunden, wenn die Pflegerin und ich meinen Mann aus dem Bett holten.

In der Zeitung las ich heute: „Wir haben nie mehr einen Weihnachtsbaum, weil er ihn so geliebt hat.“ Ich mache es anders: Ich werde wieder einen schönen Weihnachtsbaum haben, weil Hans Christian den immer so liebte. Und ich werde Weihnachten feiern, wie wir es immer getan haben. Und er wird dabei sein – in meiner Erinnerung.

Es ist schön, wenn ich Gewohnheiten aus unserem gemeinsamen Leben bewahren kann. Auch wenn ich jetzt manches anders mache, und wenn ich mich inzwischen auch an der neu gewonnenen Freiheit freue. Aber ich mache das im Sinne unserer Liebe, es ist wie ein Vermächtnis meines Mannes. Und das ist gut so.

Ein guter Freund hatte mich kurz nach dem Tod meines Mannes davor bewahrt, den schönen Flügel zu verkaufen, den ich meinem Mann zehn Jahre zuvor geschenkt hatte. Es schmerzte mich damals so sehr, dass er ihn nicht mehr genießen konnte, und auch, dass ich nicht noch einmal darauf gespielt hatte, als wir damals auf den Krankenwagen warteten. Daher wollte ich ihn nicht mehr sehen, auch ihn loslassen.

Heute weiß ich, wie kostbar dieser Flügel für mich ist – und wenn ich in der kommenden Adventszeit spät am Abend Weihnachtslieder darauf spiele, und Brahms, Schumann und Schubert, dann werde ich spüren, dass mein Mann dabei ist und zuhört. Ich werde ihn wieder in der angrenzenden Küche in seinem Rollstuhl sitzen sehen. Und ich werde vielleicht vor Glück und vor Trauer weinen. Aber das ist nicht schlimm. Und meine Senta wird mich wieder trösten.

Nächste Woche beginnt die Adventszeit – ich habe nachgedacht, wie ich die gestalte: Mit viel Stille und Musik. Und den Adventskalender mit den 24 Säckchen werde ich auch aufhängen – die geraden waren immer für mich, die ungeraden für Hans Christian, weil er am 19. Dezember Geburtstag hat. Ich habe mir ausgedacht, dass Senta in diesem Jahr die ungeraden Säckchen bekommt – werde also Leckerli hineinlegen statt Schokolade.

Zum Schluss denke ich an die Menschen, die heute im Gottesdienst ihre Tränen nicht zurückhalten konnten. Ihnen wünsche ich, dass sie irgendwann ihre Trauer bewältigen und zum wichtigen Teil ihres Lebens machen können.

Im Seniorenforum Feierabend.de ist mein Blog als Beispiel veröffentlicht worden, wie man den Verlust des Partners bewältigen kann. Dort kann noch mehr Geschichten von anderen Menschen lesen: http://www.feierabend.de/Trauer-und-Vorsorge/Trauerbewaeltigung-vom-Umgang-mit-Verlust-55531.htm

Ich wünsche Ihnen allen einen ruhigen und friedlichen Ausklang des Ewigkeitssonntages.

Hans Christians letzter Tag

IMG_8884So oft habe ich es schon erzählt in den letzten Tagen. Nun sollt Ihr erfahren, wie Hans Christians letzter Tag war. Erst einmal fragt man sich, welches denn der letzte Tag ist? Man versteht darunter den Tag, bevor man – nach Meinung der Ärzte – gestorben ist.

Letzten Montag um 5.44 Uhr klingelte das iPhone auf meinem Nachttisch. Die Ärztin berichtete, dass man um 2 Uhr Morgens mit der Dialyse begonnen hätte. Hans Christian hatte schon immer eine Niereninsuffizienz gehabt, nun waren die Nierenwerte bedrohlich. Und sein Herz war so schwach, es hatte Komplikationen gegeben.

Das hatte ich schon am Samstag bei der Aufnahme in die Klinik erfahren. Eigentlich waren wir an diesem Tag hingefahren, weil gerade ein Einzelzimmer frei geworden war. Aber er kam dann sofort auf die Intensivstation – und er war dort schon nicht mehr bei Bewusstsein. Am Sonntag sagte man mir, dass er jeden Moment sterben könnte.

In der Nacht war ich noch einmal mit ihm in Armentarola gewesen, wo wir so viele glückliche Tage erlebt hatten. Ich las unserer Senta die schönen Geschichten aus meinem Armentarola-Buch laut vor. Immer wieder schickte ich ihm eine Nachricht durchs Universum, noch ein wenig durchzuhalten.

Ich wollte doch so gerne noch einmal mit ihm und Senta – mit meiner kleinen Familie – nach Armentarola reisen. Ich hatte die Reise schon geplant, von Neujellingsdorf aus, mit zwei Zwischenstopps in Hotels, die behindertengerecht waren und große Hunde akzeptierten. In allen Einzelheiten hatte ich überlegt, wie ich zuerst ihn und dann Senta ins Hotel bringen würde. Ich hatte gehofft, dass wir mit dem Schwenksitz fürs Auto alles bewältigen könnten. Der wurde dann aber leider nicht genehmigt.

Anfang März 2013 war unsere Situation so schwierig, dass ich einen Moment daran gedacht hatte, alleine mit Senta nach Armentarola zu reisen. Aber Hans Christian wollte nicht in ein Pflegeheim, und so beschloss ich, dass wir auf jeden Fall zusammen bleiben, alle drei – egal ob wir verreisen oder zu Hause bleiben. Auch wenn manche Leute meinten, ich sei verrückt. Ich stornierte daher die Buchung und hoffte, dass wir später fahren könnten.

Weihnachten3 061_3In dieser Nacht nun erinnerte ich mich an all die schönen Erlebnisse in Armentarola, dann schlief ich kurz und tief – bis das Telefon klingelte. Ich weiß nicht mehr, was die Ärztin alles gesagt hat, ich fragte sie nur, ob ich kommen sollte. Dieser Anruf dauert knapp zwei Minuten, dann rief ich Marlen an und unsere Freunde Jeanne und Wilfrid in Dinslaken. ich duschte, zog mich an und ließ Senta hinaus. Um 6 Uhr stand ich schon am Auto und wartete auf Marlen, die mich an diesem Tag begleiten würde. Sie war mir eine große Stütze, genau wie Jeanne und Wilfrid und unser Hausarzt, mit denen ich dann telefonischen Kontakt hatte.

Nach einer knappen Stunde Autofahrt erreichten wir Neustadt, wo uns ein heller Stern den Weg zur Klinik am Strand zeigte. In diesem Moment erinnerte ich mich an ein Gedicht, das uns vor ein paar Jahren eine Freundin geschenkt hatte: Rudern zwei ein Boot, der eine schaut nach den Sternen, der andere sorgt dafür, dass der Kurs gehalten würde.

Auf der Intensivstation lag Hans Christian an vielen Geräten angeschlossen. Bei der Morgenvisite berichtete die Ärztin der Nachtschicht dem Professor. Ich dachte, wie kann man nur so pessimistisch sein und sagte: Ein Forsbach gibt nicht so schnell auf, wir sind Optimisten. Die Geräte sind doch dazu da, den Menschen am Leben zu erhalten. Man kann doch nicht einfach abschalten, auch nicht, wenn ein Mensch dement wäre. Kurz darauf sagte mir der Oberarzt, dass Hans Christian im Sterben liegt. Wenn wir Kinder hätten, sollte ich die jetzt schnell benachrichtigen.

Draußen war es hell geworden, ein wunderbarer frühlingshafter Tag begann. Der Winter hatte Pause gemacht an Hans Christians letztem Tag. Mir fiel die Affirmationskarte ein, die in den letzten Wochen im Badezimmer hing, jeden Tag hatte ich sie Hans Christian vorgelesen: „Ich bin dankbar dafür, dass ich heute lebe. Es freut mich und ist ein Genuss, einen weiteren wundervollen Tag zu erleben.“
IMG_1659Marlen hatte mir gesagt, dass Sterbende noch alles hören, was man ihnen sagt. Und ich erzählte Hans Christian von dem hellen Stern, zu dem er jetzt fahren würde. Ich würde ihm dann jeden Abend zuwinken und lachen, wie es der kleine Prinz bei Antoine de Saint-Exupery gesagt hatte:

Und deine Freunde werden sich wundern, wenn du zum Himmel schauen und dabei lachen wirst. Dann wirst du ihnen sagen:
„Ja, die Sterne bringen mich immer zum Lachen!“
Und sie werden meinen, du bist verrückt.

Ich erzählte Hans Christian, dass wir direkt am Strand wären – immer, wenn wir am Meer waren, hatten wir ein Hotel direkt am Strand gewählt, auch diese letzte Station seines Lebens hatte eine solch wunderbare Lage. Wir würden eine Bootsfahrt hinaus aufs Meer machen, wo uns an diesem Morgen die Sonne golden entgegen strahlte. Er müsste nur nach den Sternen schauen, ich würde rudern, aber er dürfte jetzt einfach losfahren.

Am Ende, ganz am Ende, würde das Meer in der Erinnerung blau sein – so hieß es in dem Gedicht. Und ich erinnerte Hans Christian an all die schönen Reisen, die wir zusammen gemacht hatten, an Armentarola, wo die Berge im Abendrot so schön leuchteten, wo wir so viele schöne glückliche Tage erlebt hatten.

IMG_4621Immer hatten wir uns verziehen, wenn wir uns weh getan hatten. Und das taten wir an diesem Morgen auf der Intensivstation auch. In den letzten Tagen, Wochen, Monaten hatte es schlimme Situationen gegeben, die viel Kraft kosteten. Hans Christian wollte 100 Jahre alt werden, aber seine Helfer und ich sollten auch durchhalten bis dahin. An unserem letzten Abend zu Hause war wieder unsere alte Harmonie dagewesen und alles war vergeben. Jeden Tag hatten wir uns gesagt, dass wir uns lieb hatten.

Immer wieder hatte ich zu Hans Christian gesagt: Du bist beschützt. Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. In der Weihnachtszeit hatten wir jeden Tag den Chorsatz von John Rutter gehört „The Lord bless you and keep you – Gott segne und behüte dich“. Hans Christian hatte doch immer so viel Angst gehabt, die von seiner Kindheit im Krieg herrührte. Nun musste er keine Angst mehr haben. Mir fiel das schöne LIed „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ ein, das wir vor einigen Jahren in Bamberg oft gehört hatten. Und ich sang ihm leise das gesamte Lied ins Ohr.

Dann fielen mir die kölschen Lieder ein, die ihm eine Freundin vor vier Jahren zum Mutmachen geschickt hatte: „Spaziergang durch Kölle“ – „Bei D’r Schwazze Madonna in d’r Koffergass“ und „Uns Kölsche Siel“:

Uns kölsche Siel, die kann uns keiner nemme,
die hät der Herrgodd deef en uns gelaht.
Un wä die sök, muss bes zom Hätze klemme,
denn do allein, do litt dä Schatz verwahrt.

Auf Hochdeutsch:
Unsere kölsche Seele, die kann uns keiner nehmen,
die hat der Herrgott tief in uns gelegt.
Un wer die sucht, muss bis zum Herzen klettern,
denn da allein, da, liegt der Schatz verwahrt.

Und da spürte ich es: Hans Christian war nach Hause gekommen.
Ich spielte noch ein Lied von Nana Mouskouri, das wir beide gerne mochten, aber mittendrin stellte ich es ab. Ich spürte es ganz deutlich: Hans Christian war friedlich eingeschlafen. Das war gegen 12.30 Uhr.

IMG_3353Ich schaute mich um auf der Intensivstation, aber niemand war da. Die Maschinen arbeiteten weiter, die Bettdecke hob und senkte sich. Bis zur nächsten Visite zog sich die Zeit dahin, auch wenn wir zwischendurch zum Strand gegangen waren. Hans Christian sollte nicht mehr kämpfen müssen gegen Medikamente in unglaublich hoher Dosis, die ihn am Leben erhielten, obwohl er schon gestorben war. Er hatte sich entschieden, zu gehen – auf seine letzte große Reise. Er würde sein Muttchen wieder treffen, seinen Bruder Wolfgang, der erst im letzten Jahr gestorben war, und auch endlich meine Mutter treffen, die er in unserem Leben leider nicht mehr kennengelernt hatte.

Am Abend fuhr ich zum Südstrand, um die Heizung in unserer Ferienwohnung anzustellen. Unsere Freunde würden kommen. Es war stockdunkel, als ich über die Strandallee fuhr, um die Ecke bog und mich dem Yachthafen näherte. Als ich an unserem Haus ankam, fuhr ein hell beleuchtetes Boot hinüber zum Hafen. Ich dachte: Nun fährt Hans Christian in den Heimathafen. Kaum hatte ich den Motor abgestellt, klingelte das Telefon und die Ärztin sagte mir, dass Hans Christian gerade gestorben sei.

Zu Hause fiel mir das Lied „Gemeinsam unterwegs“ ein, dass wir so oft auf unseren Reisen im Auto gehört hatten – auch das Erinnerungsalbum zu Hans Christians 70. Geburtstag hatte diesen Titel:

Wir sind gemeinsam unterwegs
Auf einer Reise durch die Zeit.
Wir steuern unser kleines Schiff
Im großen Meer der Ewigkeit.

Am Ziel der Reise irgendwann
Kommt unser Schiff im Hafen an.
Wir laufen ein mit letztem Schwung,
beladen mit Erinnerung.

Wir sind gemeinsam unterwegs
Auf einer Reise durch die Zeit.
Wir steuern unser kleines Schiff
Im großen Meer der Ewigkeit.