Der 96. Geburtstag meiner Mutter

Heute ist der 96. Geburtstag meiner Mutter, Eva Dethlefs. Heute vor 20 Jahren habe  ich zum letzten Mal mit meiner Mutter zusammen Geburtstag gefeiert, ihren 76. Geburtstag.

Heute hat auch das „Lämmerlein“ Geburtstag, es ist 20 Jahre alt geworden (im Bild oben links). Meine Mutter sagte damals, es sei das schönste Geburtstagsgeschenk, das sie je bekommen habe. Mein Mann und ich haben immer eine ganze Schar von „Tieren“ mit auf die Reise genommen: Lämmerlein, Walfisch, Neger und Dr. Kreuel – außerdem gab es noch Bostiche, den Hund. Der hat leider nicht überlebt, als Senta kam. Heute nehme ich nur noch Senta mit auf die Reise.

Den „Walfisch“ und „Dr. Kreuel“ hat auch meine Mutter schon gekannt – der „Neger“ kam erst später dazu. Hans Christian hat ihn für mich auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin gewonnen.

Am 11. November 1997 starb meine geliebte Mutter ganz plötzlich an einem Herzinfarkt. Der Abschied von ihr war das Schlimmste, was ich jemals erlebt hatte. Monatelang war ich in einer Art Trancezustand, stand offenbar unter Schock. Denn meine Mutter war meine allerbeste Freundin gewesen und hatte mich stets begleitet und unterstützt. Sie hatte mich bestärkt, mit 42 Jahren das Promotionsstudium aufzunehmen und durchzuhalten. Aufgrund ihrer Erfahrung als Grundschullehrerin hatte sie nächtelang mit mir diskutiert. Sie hat Korrektur gelesen, mich ermutigt, beraten und immer wieder zur Weiterarbeit motiviert. Und dann starb sie plötzlich und konnte den Abschluss meiner Arbeit nicht mehr erleben. Dabei wäre sie so stolz gewesen.

Meine Dissertation erschien erst acht Jahre später. Ich habe sie meiner Mutter gewidmet:

In liebevoller Erinnerung an meine Mutter Eva Dethlefs (1921 – 1997)
Und in Dankbarkeit
• für eine schöne Kindheit und Jugend voller Musik,
• für eine umfassende Ausbildung und das Studium,
• für viele Gespräche über Schule, Erziehung und Unterricht,
• für die Erziehung zu Selbständigkeit und Kritikfähigkeit,
• dafür, immer wieder bestärkt worden zu sein, den eigenen Weg
zu gehen, auch gegen Widerstände,
• für die Kraft, dies durchzuhalten,
• dafür, gelernt zu haben, Dinge zu ändern, die man ändern kann
und Vorgaben zu hinterfragen,
• dafür, Liebe und Freiheit als höchste Werte erfahren zu haben.

Heute ging mir vieles durch den Kopf, als ich mit Senta an zwei Stränden auf unserer geliebten Insel Fehmarn war: am Südstrand, wo ich vor fast 25 Jahren eine kleine Strandwohnung gekauft, eingerichtet und vermietet hatte – mit Unterstützung meiner Mutter. Und in Fehmarnsund, wo ich in unserem ersten Urlaub auf Fehmarn – in den Herbstferien 1977 – mit meiner Mutter gewesen war.

Fehmarn hatte meine Mutter an ihre Heimat erinnert – sie war in Danzig geboren und aufgewachsen. Und sie hatte stets die Ostsee geliebt, als junges Mädchen bereits im allerersten Frühling und noch im spätesten Herbst darin gebadet.

Früher dachte ich oft, dass meine Mutter – wenn es tatsächlich eine Wiedergeburt gibt – in Gestalt von Senta zu mir zurück gekommen war. Sentas schöne braune Augen erinnern mich an meine Mutter, aber auch die Art, wie sie mich stupst, wenn ich wieder mal vergessen habe, etwas zu essen, wie sie Unnötiges wegschleppt und Überflüssiges zerreißt, und wie sie mich daran erinnert, dass wir unbedingt spazieren gehen müssen, auch wenn es regnet. Sie sorgt für mich, damit ich genug an die frische Luft komme und mich bewege, regelmäßig esse, viel schlafe und den schönen Strand genieße. Und Senta badet gerne in der Ostsee, sogar jetzt im Winter. Sie ist quietschvergnügt, wenn wir am Strand sind und hüpft vor Freude um mich herum.

Meine Mutter hätte ihre Freude an ihr – sie hat sich doch früher auch immer ein „Hündchen“ gewünscht, so wie mein Mann. Aber in unserem damaligen Wohnhaus durfte man keine Hunde halten, und meine Mutter dachte auch, dass sie nicht mehr mit einem Hund spazierengehen konnte. Denn irgendwann konnte sie nicht mehr gut gehen. Damals gab es noch keinen Rollator – einen Rollstuhl aber oder auch nur einen Gehstock hätte meine Mutter niemals benutzt.

Vielleicht würde meine Mutter sich ein wenig wundern, weil ich nun in einem kleinen Dorf lebe. Ich bin in Weddinghusen/Norderdithmarschen geboren – aber an dieses Haus und die Zeit dort hatte meine Mutter keine guten Erinnerungen.

Als ich in unseren ersten Ferien hier auf Fehmarn den Wunsch äußerte, mich als junge Lehrerin an das neu gegründete Inselgymnasium versetzen zu lassen, warnte mich meine Mutter davor, in eine solch kleine Gemeinde in Norddeutschland zu ziehen. Es sei sehr schwierig, dort akzeptiert und integriert zu werden. Sie selber hatte damals Plattdeutsch gelernt und damit die Hochachtung der Bauern im Umkreis erworben, die ihr und unserer Familie kurz nach dem Krieg sehr geholfen hatten.

Nun – ich war damals Beamtin in Nordrhein-Westfalen und es wäre sowieso schwierig gewesen, eine Versetzung nach Schleswig-Holstein zu erlangen. Als ich dann 2010 mit meinem Mann nach Fehmarn umgezogen bin, hatten sich die Zeiten grundlegend geändert: Fehmarn ist weltoffen, vor allem durch den Tourismus. Das Leben hier ist heute viel einfacher, weil man nicht auf die kleine Dorfgemeinschaft angewiesen ist, sondern durch die rasante Entwicklung des Internets Freunde, Bekannte und Geschäftsbeziehungen auf der ganzen Welt haben kann – auch von Neujellingsdorf aus.

Das war Ende der 1970er Jahre noch nicht abzusehen – auch noch nicht 1993, als ich meinen ersten Computer bekam und mit meinem Promotionsstudium begann: damals erschien es mir sehr reizvoll, dass man bei einem Internetbuchhändler (Amazon hieß damals noch ABC) alle möglichen Bücher recherchieren und erwerben, und dass man Fachartikel und ganze Bücher aus Bibliotheken bestellen konnte.

Heute bin ich sehr glücklich hier auf Fehmarn – und vieles von meinem Lebensglück verdanke ich dem Erbe meiner Mutter:

Meine Mutter war immer Optimistin – sie musste im Krieg ihre Heimat Danzig verlassen. Mit ihrem ersten Baby in der Tragetasche kam sie im kalten Januar 1945 mit dem Schiff über die Ostsee nach Schleswig-Holstein. Sie hatte zugesehen, wie die „Wilhelm Gustloff“ mit Tausenden von Menschen an Bord versank. An Land kämpfte sie sich durch Eis und Schnee und kam wohlbehalten mit ihrem Baby, meinem Bruder Karsten, in Lunden bei ihren Schwiegereltern an.

Zwei Jahre nach dem Krieg, am 10. Juni 1947, starb mein ältester Bruder mit noch nicht ganz drei Jahren an Diphterie, die man nicht erkannt hatte. Mein zweiter Bruder war gerade geboren und wurde am 13. Juni 1947 getauft. Mein Vater war damals auch an Diphterie erkrankt. Die Tragik, dass man sein Baby im Krieg auf der Flucht vor Schlimmem bewahrt hat und es dann sterben muss, als schon wieder bessere Zeiten eingekehrt waren, wurde mir erst später bewusst. Im November 2005 besuchte ich mit meinem Mann den Kirchhof in Weddingstedt. Ich sah die Taufkapelle mitten auf dem dunklen Kirchhof, von der meine Mutter mir nie erzählt hatte. Ich kannte nur mein Taufbild, das vor unserem Haus in Weddinghusen aufgenommen worden war.

All das hat meine Mutter gemeistert. Als verwöhnte Tochter aus der Großstadt lebte sie nun auf dem Lande und baute Gemüse und Obst an, um die Familie durchzubringen. Aber sie ist immer fröhlich und optimistisch geblieben.

Fünf Jahre später wurde ich geboren und habe vieles von meiner Mutter geerbt – vor allem ihren unerschütterlichen Optimismus. Den folgenden Spruch schrieb sie mir 1962 in mein Poesiealbum:

Zum Licht empor mit klarem Blick,
Ein Vorwärts stets, nie ein Zurück,
Ein frohes Schaffen, kühnes Streben
Und schnelles Handeln auch daneben –
Dann hat das Dasein Zweck und Ziel,
Wer Großes will, erreicht auch viel.

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749–1832)

Ich bin meiner Mutter unendlich dankbar für all das, was sie mir gegeben hat: für den Mut und den Optimismus, die Herzlichkeit und den Humor, und für die Liebe und die Kraft, die für mein ganzes Leben reichen.

Was würde sie wohl sagen, wenn sie wüsste, dass ich für sie heute, an ihrem 96. Geburtstag, das schöne Impromptu As-dur von Franz Schubert auf meinem eigenen Flügel gespielt habe, das sie immer so geliebt hat? Und dass ich meine Geige im vorigen Jahr verkauft habe, nachdem ich schon viele jahre nicht mehr darauf gespielt hatte?

Was würde sie sagen, wenn sie wüsste, dass ich in meinem eigenen Haus wohne, in dessen Garten zur Zeit die Schneeglöckchen blühen, die ich ihr früher immer zum Geburtstag geschenkt habe?

Was würde sie sagen, wenn sie wüsste, dass ich seit sechs Jahren meinen eigenen Verlag habe und schon weit über 50 Bücher publiziert habe, als wären es meine eigenen Kinder?

Ich glaube, sie wäre sehr stolz auf mich, auf ihre geliebte Tochter. Ich bin jedenfalls sehr dankbar für alles, was ich von meiner Mutter bekommen habe: die Liebe zur Ostsee, zu den Bergen, zum Skilaufen, zur Musik – ohne meine Mutter hätte ich niemals Musik studieren und niemals promovieren können, nie hätte ich die Freuden des Skilaufens und die Schönheit der Tiroler Berge, vor allem in Seefeld, entdeckt, und vielleicht wäre ich dann auch nie in mein heute so geliebtes Armentarola in den Dolomiten gekommen.

Ganz wichtig aber erscheint mir eins – meine Mutter hat ja mit 56 Jahren etwas angefangen, was sie bisher nicht zu können glaubte: malen. Sie hatte mir zu Weihnachten 1977 einen Kalender mit 12 selbst gemalten Bildern geschenkt – und das war der Start in ihr neues Leben! Eine Galeristin stellte ihre Bilder aus und schickte sie zu einem Sonntagsmaler-Wettbewerb ein – sie gewann sofort einen Preis und nahm danach an etlichen Ausstellungen teil. Sie malte so, wie SIE es für richtig hielt, nicht Lehrer, Lehrbücher oder andere Vorbilder – und gewann viele Fans und auch Käufer ihrer schönen Bilder. Denn meine Mutter hatte die Gabe, ganz einfache, alltägliche Dinge auf solch schöne individuelle Weise zu malen, so dass sie die Herzen der Betrachter erreichte. So widmete ich ihr nach ihrem Tod den Spruch ihrer Lieblingsautorin Pearl S. Buck:

Die wahre Lebenskunst besteht darin,
im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.

Heute schrieb mir eine Freundin: „Sie sieht Dir immer zu und ist sehr glücklich über Deinen Weg! Sie liebt Dich sehr!“

Sie schrieb mir auch: „Ich hätte Deine Mutter gerne kennen gelernt!“ – Und ich habe geantwortet: „Du hättest sie sicher gemocht – nun kennst Du sie ein wenig durch mich.“

Ja, das ist meine Aufgabe, all die guten Ideen und Gedanken, die mir meine Mutter vermittelt hat, weiter in die Welt zu tragen. Vor allem: Freiheit und Liebe als höchste Werte erfahren und weitergeben zu dürfen.

Danke, liebe Mutti – ich werde Dich nie vergessen – Du bist immer in meinem Herzen.

Deine Beate mit Senta

Klavierspielen

IMG_8907In den letzten Jahren habe ich immer in der Adventszeit auf dem Flügel gespielt – meistens war es Weihnachtsmusik, aber immer auch gerne meine Lieblingsstücke von Brahms, Schubert und Schumann. Das Schöne ist ja, dass ich hier in meinem Haus auf dem Lande zu jeder Tages- und Nachtzeit klavierspielen kann – ganz anders als in den vorherigen Wohnungen, wo ich immer Rücksicht auf Mittags- und Nachtruhe nehmen musste, wo die Nachbarn teilweise alles mithören konnten und ich entsprechend eingeschränkt war – Üben ist nicht so toll anzuhören, also spielte ich immer wieder die Stücke, die ich (noch) ganz gut konnte aus meinem Klavierunterricht, der mittlerweile über 40 Jahre zurück liegt.

IMG_8906In den letzten Monaten hörte ich immer mehr Klaviermusik, oft über das Internet. Denn ein Facebookfreund schickte immer wieder interessante Aufnahmen von bekannten und (mir) unbekannten Pianisten und Pianistinnen. Besonders die Nocturnes von Chopin hatten es uns angetan, ich bekam eine wundervolle CD von der ungarischen Pianistin Livia Rev, die seit Jahren in Frankreich lebt und noch mit über 94 Jahren grandiose Konzerte und Masterclasses gegeben hat – alles heute noch hörbar über Youtube.

Das Impromptu As-Dur op. posth. 142,2 von Franz Schubert war seit vielen Jahren mein Lieblingsstück – ich hatte es zur Begrüßung unseres neuen Flügels am 19.12.2004 in unserer Bamberger Wohnung gespielt, und zuvor auch zum Abschied von meinem schönen Klavier.

FlugelDer Flügel war der Mittelpunkt unseres Bibliothekszimmers in der großen Bamberger Jugendstilwohnung. Mein Mann sagte immer, ich hätte ihm den Flügel zum Geburtstag geschenkt. Er wurde an seinem Geburtstag geliefert – aber gekauft hatten wir ihn gemeinsam. IMG_7447Am 12. November 2010 habe ich das Impromptu von Schubert zur Einweihung des Flügels in unserem Haus in Neujellingsdorf auf Fehmarn gespielt – die Umzugsleute waren ganz fasziniert. Es ist ja ein großes Abenteuer, ein solch kostbares Instrument im Umzugswagen zu transportieren, von Bamberg auf die Insel Fehmarn. Der größte Moment war für mich, als unser neues Haus zum ersten Male mit Musik erfüllt war, Musik von dem Flügel.

Doch zurück in die nähere Gegenwart: Im Februar 2014, kurz nach dem Tod meines Mannes, wollte ich den Flügel verkaufen. Zu groß war der Schmerz, dass mein Mann dieses wundervolle Instrument nicht mehr nutzen konnte, und dass ich nicht darauf gespielt hatte, als wir auf den Krankenwagen warteten, der meinen Mann in die Klinik brachte, wo er zwei Tage später verstarb. In einer Nacht führte ich ein „virtuelles Gespräch“ mit einem Facebookfreund. Er überzeugte mich damals, dass ich unseren schönen Flügel behalten und ihn fortan mehr und mehr zum Klingen bringen sollte!

Irgendwann begann ich wieder, Klavier zu spielen, all die schönen Stücke von Brahms, Schubert, Schumann, Chopin, die ich früher mal gut gekonnt hatte. Dazu viel Jazz und leichtere moderne Stücke. Und ich hörte immer mehr Klaviermusik, vor allem solche, die ich niemals spielen könnte, wie ich dachte. Ich merkte, wie meine Begeisterung wuchs. Über Facebook bekam ich auch Kontakt mit einigen Pianisten, und so allmählich kristallisierte sich bei mir ein ganz bestimmtes Klangideal heraus, nicht nur, aber auch durch den Besuch eines Konzertes mit dem fantastischen Pianisten Amir Katz.

IMG_8936Senta mag übrigens auch gerne zuhören – am liebsten Chopin. Ich stellte fest, wie schön die Musik in meinem Hause klingt – und bedauerte es, dass ich nicht mehr Musik gespielt hatte, als mein Mann noch lebte. Denn er war ein ganz großer Liebhaber und Kenner von Klaviermusik, hatte alle großen Pianisten seiner Zeit im Konzert gehört und es immer bedauert, dass er als Kind und Jugendlicher nicht genug Geld gehabt hatte, um Klavier zu lernen.

IMG_8917Am ersten Adventssonntag meinte ein Bekannter, ich könnte doch mal meinen Flügel stimmen lassen und wieder Klavierunterricht nehmen. Das erste war klar, ich hatte es im vorigen Jahr ausgelassen – aber ich wäre im Leben nie auf die Idee gekommen, wieder Klavierunterricht zu nehmen. Am Abend dann hörte ich eine Aufnahme von dem berühmten Liebestraum von Liszt – mit der großartigen Pianistin Livia Rev, die das Stück im Alter von 97 Jahren spielte. Im ersten Moment sagte ich, dass ist für mich nur ein Stück zum Zuhören, aber dann lud ich mir die Noten aus dem Internet herunter und stellte fest, dass es durchaus „machbar“ wäre.

Am nächsten Morgen telefonierte ich mit der Klavierstimmerin und sie empfahl mir einen Klavierlehrer in Lübeck. Ich hatte noch andere Empfehlungen, aber meine Intuition sagte mir, dass dies vielleicht der Richtige wäre. Ich rief ihn an und vereinbarte den ersten Termin am 11. Dezember 2015. Am Abend davor kopierte ich aus meinem alten Studienbuch die Protokolle der Prüfungen an der Musikhochschule Köln aus den Jahren 1973-1975. Violine war mein Hauptinstrument gewesen, und Klavier mein Nebeninstrument. Das war damals so im Schulmusikstudium, schließlich hatte ich Geige ja schon viel länger gespielt. Ich bekam Unterricht bei den Zwillingen Werner und Wilhelm Neuhaus und wurde auch als „Nebenfach Klavier“-Pianistin ziemlich gut. Die Violine wollte ich schon vor einigen Monaten loslassen, ich könnte das Niveau aus dem Studium niemals mehr erreichen, befand ich. Und ich hatte keine Lust, in irgendwelchen Liebhaberorchestern oder Feierabend-Streichquartetten zu spielen.

Aber Klavierspielen, das reizte mich ganz stark, denn damit kann ich selber Musik machen, ganz allein, und zu jeder Tages- und Nachtzeit. Vom „Liebestraum“ habe ich mir die Noten bestellt, und auch von den Chopin Nocturnes, die ich inzwischen ganz besonders liebe. Außerdem habe ich die „Etüden im ungarischen Stil“ von Michel Sogny entdeckt, die mir auf Anhieb sehr gut gefielen. In ein Stück hatte ich mich verliebt, als ich es eines Morgens im Bademantel spielte. Eine kleine Melodie, die sich nach und nach herauskristallisierte und mein Herz erfüllte.

Ich packte also am Vorabend der ersten Klavierstunde alle Noten in meinen Aktenkoffer, die ich schon gespielt hatte oder noch spielen wollte. Dazu ein Notizbuch, um alles Wichtige darin zu vermerken.

IMG_0647Der erste Gang zum Klavierlehrer war insofern recht erfreulich, weil der Weg vom Parkhaus am Café Niederegger vorbeiführte, und an einem Musikgeschäft, das ich nach der Klavierstunde gleich besuchte. Denn eine kleine Reise von Fehmarn nach Lübeck ist schon etwas Besonderes für mich, und ich freute mich, dass ich daraus ein richtiges „Event“ machen konnte.

Beim Klavierlehrer war es erfreulich. Ich erzählte, warum ich nun nach über 40 Jahren seit meinem Studium wieder Klavierunterricht nehmen wollte – und er konnte es nachvollziehen. Ziemlich bald kamen wir auf das Thema, was mich am meisten interessierte: Die Klangbildung am Klavier, also wie ich meine altbekannten und auch neue Stücke einfach schöner spielen könnte. Auch die mentale Kraft beim Klavierspielen finde ich wichtig und interessant, und auch dafür war der Klavierlehrer aufgeschlossen.

Die Stücke von Michel Sogny sagten ihm sehr zu, er war erstaunt, dass ich die erste Etüde nach wenigen Tagen schon so gut spielen konnte. Auch an meinem Lieblingsstück, dem Impromptu von Schubert, haben wir kurz gearbeitet, uns aber dann einfach der Klangbildung gewidmet. Die Stunde war im Nu herum und wir haben uns für die nächste Woche wieder verabredet.

Erstaunlich war für mich eine Erkenntnis, die ich beim Erzählen gewonnen hatte: Ich habe als Kind immer Klavier spielen wollen, aber es war nicht genug Geld für ein Klavier da. Somit habe ich bei Freundinnen, die Klavierunterricht hatten, immer geübt und mir vieles selber beigebracht. Mit 14 bekam ich das erste Klavier, erst mit 16 dann Klavierunterricht, weil ich ja das Ziel hatte, Schulmusik zu studieren.

Da mein Vater eine Geige hatte, musste ich mit 10 Jahren Geige lernen. Bei einem wirklich schlechten Lehrer, der mir im Laufe der Jahre alle Motivation austrieb. Kurz bevor ich das Geigespielen ganz aufgeben wollte, wechselte ich zum Konservatorium, bekam eine neue Geige und lernte neue Stücke zu spielen. Viel zu schwere Stücke, der Lehrer war ein Musikant, kein Pädagoge, und menschlich leider auf tiefstem Niveau, was mir erst heute wirklich bewusst geworden ist.

All das hat möglicherweise dazu geführt, dass ich die Geige loslassen will. Meine Klavierlehrerin am Konservatorium hatte mich gut auf die Aufnahmeprüfung zur Musikhochschule vorbereitet. Sie hatte immer interessante Stücke mit mir gespielt, oft auch vierhändig, denn mein musikalischer Anspruch lag damals weit über meinem technischen Können.

IMG_0641 Meine erste Klavierstunde nach über 40 Jahren habe ich im Café Niederegger gefeiert. Ich schrieb alles Wichtige in mein neues Notizbuch und genoss die Köstlichkeiten des Cafés.

Auch meine musikalischen Ziele habe ich in mein Notizbuch geschrieben:

IMG_8953Ich möchte die alten Stücke von Brahms, Schubert, Schumann und Chopin wieder wunderschön spielen können. Die ungarischen Etüden von Michel Sogny möchte ich nach und nach erarbeiten. Ich möchte mindestens drei Nocturnes von Chopin spielen können und eines Tages auch den Liebestraum von Liszt. Und dann noch: die Mondscheinsonate von Beethoven, und die Rhapsodie G-moll von Brahms – das sind ganz alte Träume.

Und überhaupt, so erscheint es mir heute, ist das Klavierspielen ein ganz alter Traum von mir. Ich bin sehr dankbar für die Anregung, Klavierunterricht zu nehmen. Denn es war ein Traum, von dem ich gar nicht wusste, dass ich ihn hatte.

Gestern abend hörte ich in einem Konzert den folgenden Spruch:

„Folge immer der Melodie deines Herzens,
denn sie weiß, was das Richtige für dich ist.“

Er erinnerte mich an einen meiner eigenen Aussprüche:

„Durch das Schreiben kommen wir der Melodie des eigenen Lebens auf die Spur, beim Schreiben hören wir die Stimme unseres Herzens und entwickeln Wegweiser, um unser Leben so zu leben, wie wir es haben möchten.“

Dieses Zitat stammt aus meinem Blog „Lebe die Melodie deines Lebens“ vom 7. April 2012, den ich im September 2015 noch einmal gepostet habe.

Es ist für mich wie ein Weihnachtswunder, dass ich das Klavierspielen wieder für mich entdeckt habe.

Rose

 

 

Brahms – Endlich loslassen

Brahms-SonatenEin Freund hatte mich eingeladen zu diesem Konzert: Die drei Sonaten für Violine und Klavier von Johannes Brahms, gespielt von dem spanischen Geiger Abel Tomàs und dem israelischen Pianisten Amir Katz.

Schon lange hatte ich tief in mir gespürt, dass sich vieles änderte in meinem Leben. Ich wollte sie loslassen – meine Geige, die ich seit nunmehr 40 Jahren besitze. Eine wunderschöne französische Violine des Geigenbauers Georges Apparut aus dem Jahr 1944 – 71 Jahre alt ist sie inzwischen. Ich hatte lange gespart, neben dem Studium gejobbt und sie mir dann gekauft, um mein Examensprogramm im November 1975 auf einer wirklich schönen Violine spielen zu können: Die erste Solosonate in G-moll von Johann Sebastian Bach, die Romanze F-dur von Ludwig van Beethoven – und die Sonate G-dur von Johannes Brahms.

Schon im Januar 2007 hatte ich während der Mozartwoche in Salzburg einen ganz jungen Geiger erlebt, der das Violinkonzert G-dur von Wolfgang Amadeus Mozart so schön spielte, dass mir die Tränen vor Rührung kamen – und vor Wehmut, denn dieses Konzert hatte ich auch in meinem Studium an der Kölner Musikhochschule gespielt. Damals wusste ich noch nicht, dass schwere Jahre auf mich zukommen würden, in denen ich meine schöne Violine kaum noch in die Hand nehmen würde.

Irgendwann in diesem Sommer sah ich Anne-Sophie Mutter im Fernsehen – begleitet von ihren jugendlichen Musikern – und ich entschloss mich, meine Geige loszulassen, damit künftig jüngere Musiker darauf spielen könnten. Die Stiftung von Anne-Sophie Mutter hatte gerade ein Instrument erworben und verwies mich an die Deutsche Stiftung Musikleben in Hamburg. Irgendwann im August hörte ich Anne-Sophie Mutter mit der Violinromanze F-dur von Beethoven im Radio – und wollte diesen Blog schreiben. Aber so einfach ist das nicht mit dem Loslassen.

IMG_8173Warum eigentlich? Warum möchte ich meine schöne alte Geige verkaufen? Ich habe sehr schöne und auch schwere Stücke gespielt – vor 40 Jahren. Heute könnte ich, wenn überhaupt, nur noch ganz einfache Stücke spielen, aber mit wem? Ein Geiger braucht (fast) immer andere Musiker, um Musik zu machen: einen Pianisten, Quartettpartner oder ein Orchester.

Die Romanze habe ich vor vielen Jahren öffentlich mit einem Kammerorchester aufgeführt – heute wäre das undenkbar für mich, nicht nur wegen meines aktuellen Wohnortes auf der Insel Fehmarn. In Liebhaberorchestern und mit Feierabend-Streichquartetten möchte ich nicht (mehr) spielen. Zu engagiert war ich während der Studienzeit in ambitionierten Jugendorchestern und ehrgeizigen jungen Streichquartetten, in denen ich gerne die Bratsche spielte. Meine Bratsche aber habe ich bereits vor über zehn Jahren verkauft, an eine begabte junge Musikerin, die sehr glücklich über das schöne Instrument war.

Ja und außerdem habe ich in den letzten Jahren meine Berufung gefunden: das Glück des Büchermachens. Die Musik war ganz in den Hintergrund getreten, auch wegen der Krankheit meines inzwischen verstorbenen Mannes. Am Himmelfahrtstag 2014 hatte ich sie für mich wiederentdeckt, als die Frage gestellt wurde: „Was ist der Himmel für dich?“ Ich habe damals geantwortet: „Für mich bedeutet er Freiheit, Liebe, Grenzenlosigkeit – und Musik.“

Seite18 aus Leben_ist_Mee(h)r_2015Nun also bekam ich die Einladung zu diesem Konzert, in dem die drei Brahms-Sonaten gespielt werden sollten. Brahms ist seit eh und je mein Lieblingskomponist, und die Sonate G-dur, die sogenannte „Regenlied-Sonate“, liebe ich seit Jahrzehnten, nicht nur, aber auch, weil ich sie selber gespielt hatte.

Bei jedem Glück gibt es einen Wermutstropfen – mir wurde klar, dass der Konzerttermin, der 10. Oktober, mit dem „Kennenlerntag“ zusammenfiel, den ich immer mit meinem verstorbenen Mann gefeiert hatte. Anscheinend muss das Leben uns erst immer Schmerzen bereiten, bevor wir wirkliches Glück empfinden können. So hatte ich in einem Blogartikel geschrieben:

„Ich glaube allerdings, dass Glück ohne Trauer gar nicht sein kann –
nur wer auch die Schattenseiten erlebt hat, kann wirkliches Glück empfinden.“

Nach einem Sturz und längerem Klinikaufenthalt mit schmerzhaftem Unterkieferbruch gab es für mich nur ein Ziel: dieses wundervolle Konzert am 10. Oktober mit den Brahms-Sonaten zu erleben. Vielleicht wäre das Glück ohne diesen Unfall zu selbstverständlich geworden? In der Klinik hatte ich viel Zeit zum Nachdenken – über das Loslassen. „Indem ich die Vergangenheit loslasse, können Neues, Frisches und Vitales eintreten“, las ich in einer Affirmation von Louise Hay – wodurch ich erst einmal aufmerksam wurde, dass es etwas zum Loslassen gab. „Liebevoll lasse ich die Vergangenheit los. Die anderen sind frei und ich bin frei. Alles ist gut in meinem Herzen“, hieß es in einer Affirmation gegen Schmerzen.

Nicht nur meine Geige würde ich loslassen an diesem Tag – auch die Ehe mit meinem verstorbenen Mann: „Bis dass der Tod uns scheidet“ – hatten wir uns bei der Trauung versprochen, als wir uns die Ringe aufsetzten. Auch wenn ich es noch so sehr gewollt hätte, es hätte nichts genützt. Diese Ehe ist vorbei. Was geschehen ist, ist vorbei und lässt sich nicht mehr ändern. Nach Hans Christians Tod hatte ich seinen Ring an mich genommen und meinen weiterhin getragen. Trauer, Ängste, Schuldgefühle hielten mich immer noch ein wenig in der Vergangenheit fest. Nunmehr haben beide Ringe einen sehr schönen Platz bekommen.

Loslassen hat immer auch mit Abschied zu tun: Abschied von der Jugend- und Studienzeit, Abschied von Sachen, Abschied von Überzeugungen und Ideen, Abschied von einer Ehe, von einer glücklichen Lebensphase, Abschied von einer schlimmen Zeit, Abschied von einem geliebten Menschen.

Aber jedem Abschied folgt am Neubeginn. So zitierte ich wieder einmal aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse:

„Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

IMG_8168Am Abend dann endlich das Konzert – in der zweiten Reihe war ich den beiden großartigen Musikern Abel Tomàs und Amir Katz ganz nah. Sie begannen mit der Sonate G-dur von Johannes Brahms, der Regenlied-Sonate. Unglaublich – ich konnte mich an jeden einzelnen Ton, an jeden Zusammenklang, an jede winzige Emotion in diesem Stück erinnern. 40 Jahre war es her, dass ich dieses Stück mit einem begnadeten Pianisten in der Kölner Musikhochschule gespielt hatte – aber statt Wehmut und Trauer erfüllte mich ein unglaubliches Glücksgefühl, ein inneres Strahlen über die Schönheit dieser Musik und die so lebensvolle und emotionale Interpretation durch die beiden jungen Musiker.

IMG_8171Es folgten die Sonate A-dur und nach der Pause dann die Sonate D-moll – die beiden Musiker steigerten sich nochmals – es war ein absoluter Höhepunkt dieses wunderschönen Abends. Der Applaus wollte gar kein Ende nehmen, und so gab es als Zugabe noch ein Scherzo von Brahms und ein ruhiges, besinnliches Abendlied.

IMG_8172Am Ende dieses Konzertes hatte ich losgelassen – es war überhaupt nicht schwer. In der Konzertpause formulierte ich meinen Wunsch ans Universum, ans Leben, das einem doch immer alle Wünsche erfüllt:

Ich möchte einen jungen Musiker finden, der auf meiner schönen Geige wundervolle Musik spielt. Vielleicht kann er sich die Geige selber kaufen, oder es findet sich ein Musikliebhaber, der ihm diese Geige zur Verfügung stellt. Ich weiß schon jetzt, dass nicht der Geldbetrag den Ausschlag geben wird, wem ich meine Geige verkaufe, sondern eine andere Währung: die des Herzens – und die der Musik.

IMG_8170 IMG_8169Übrigens habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Loslassen an sich gar nicht schmerzhaft ist. Wirklich schmerzhaft ist die lange Zeit davor, in der man zögert, die Entscheidung darüber zu treffen.

Wenn wir dann endlich losgelassen haben, bekommen wir wieder Energie für Neues. Wenn wir erkennen und akzeptieren, dass sich alles, was uns umgibt, ständig verändert, können wir den Wandel begrüßen! In jedem Moment ändert sich unser Leben, ohne dass wir Einfluss darauf haben. Ständig bekommen wir neue Ideen, lernen neue Menschen kennen, erleben neue Situationen, von denen wir uns bereichern lassen können.

IMG_9741Ich habe heute Abend eine wunderbare Abendstimmung am Meer erlebt, die zu meiner heutigen Stimmung passte. Eine Facebook-Freundin schrieb dazu:

„Abendfrieden. Nur dasitzen und warten, bis die Sonne untergeht.
Da hat kein störender Gedanke mehr Platz.“
(Helga Mildenberger)

Ja, so ist es auch nach dem Loslassen.
Und dann kann man Brahms wieder mit ganz anderen Ohren hören.

IMG_9743„Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser;
Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind!“
(Johann Wolfgang von Goethe)