Perspektivenwechsel

IMG_7834Schon lange wollte ich in die Berge – zunächst vor allem nach Armentarola in den Dolomiten, aber das ging ja nicht, weil Senta nicht Auto fahren wollte.

Kurz nach Ostern bekam ich Zahnprobleme – eine ehemalige Klassenkameradin hatte noch am Osternsonntag geschrieben: „Vielleicht, Beate, musst auch Du einfach mal raus und andere Menschen hören und sehen?“ Denn ich war schon wochenlang krank. Ich fuhr Ende April zum ersten Male wieder nach Bamberg, um mich bei meinem früheren Zahnarzt behandeln zu lassen. Senta blieb in der Zeit bei meiner Hundefreundin Karin und war dort sehr gut aufgehoben und behütet.

Im Juli sollte der dritte Zahnarztbesuch stattfinden, ohne größere Behandlung – und ich wusste, dass Karin Urlaub hatte. Ich dachte immer wieder über meinen Traum nach, in die Berge zu fahren. Ich wollte einfach mal die Welt aus einer anderen Perspektive sehen … und so bat ich Karin, Senta ein paar Tage länger zu betreuen und buchte einige wenige Tage in dem Hotel in Seefeld, wo ich so oft mit Hans Christian gewesen war. Das war von Bamberg nur drei Stunden entfernt, aber auf der Rückreise würde ich 1040 km bis Fehmarn fahren müssen – mehr als ich je zuvor an einem Tag mit dem Auto gefahren war.

Vom Mut her wäre ich auch nach Armentarola gefahren – aber da wäre die Rückfahrt noch länger geworden. Also verwirklichte ich erst einmal den ersten Schritt von meinem Traum, in die Berge zu fahren. Ich überlegte mir einfach, dass ich die Rückfahrt in vier Etappen zu je 260 km machen könnte und stellt mir die Strecke genau vor. Das müsste doch möglich sein.

Und so war ich dann am 23. Juli schon vor 9 Uhr morgens unterwegs von Bamberg in Richtung München. Mir wurde bewusst, dass eine solch frühe Abfahrt bei den letzten Reisen mit meinem Mann gar nicht möglich gewesen wäre – und ich genoss zum ersten Mal die Leichtigkeit meines neuen Lebens und dass ich alleine und unabhängig war. Wir waren oft von Bamberg nach Seefeld gefahren, und so erinnerte ich mich während meiner Autofahrt an jedes Hotel und jede Raststätte an der Strecke, wo wir mal gewesen waren, an alle glücklichen und vor allem an die eher unangenehmen Erlebnisse. Teilweise hatte ich reale Bilder im Kopf und auch die Gedanken von damals.

Bald war ich in Seefeld angekommen, checkte im Hotel ein und ging los, einfach so, quer durch den Ort zum Gschwandtkopf, meinem früheren Lieblingsberg, wo ich immer zum Skifahren gewesen war. Wann hatte ich das zum letzten Mal machen können! Als erstes traf ich mitten in Seefeld einen Berner Sennenhund, und dann noch einen am Gschwandtkopf. Ich wanderte über die Hügel zum Pfarrhügel, wo mächtige Felsen einen Kreuzweg markierten. Ich genoss die Aussicht auf die Berge und mein unbeschwertes Herumschlendern – das war in unseren letzten Aufenthalten hier nicht mehr möglich gewesen.

IMG_7797Am nächsten Tag war herrliches Wetter und ich beschloss, mit der Standseilbahn zur Rosshütte hinaufzufahren. Das hatte ich zum letzten Mal lange vor den Urlauben mit Hans Christian gemacht, als ich noch zum Skilaufen in Seefeld war, denn er hätte Angst gehabt, mit einer Seilbahn zu fahren. Die Bergstation liegt etwa 1800 m hoch über Seefeld, das eine Höhe von 1200 m hat. An diesem Tag war es sehr heiß und so kaufte ich gleich auch eine Fahrkarte für die Talfahrt.IMG_7867Von der Seilbahn aus sah ich einen wunderschönen See, den ich nicht kannte, da ich im Sommer noch nicht dort oben gewesen war. An der Bergstation genoss ich die Aussicht auf Seefeld, die umliegenden Berge, das Zugspitzmasiv und den Karwendel, hinunter ins Inntal und in die anderen Täler. Es war grandios. Etwas unterhalb waren Kühe auf der Alm und noch weiter unten sah ich den See und eine hübsche Almhütte. Und so beschloss ich, zu Fuß hinunter zu wandern.

IMG_7813IMG_7843Die wechselnden Ausblicke waren einfach grandios – wie lange hatte ich es vermisst, so von oben herab auf die Erde zu schauen. Das Leben erschien plötzlich in einer ganz anderen Perspektive – vieles wurde unwichtig und klein, anderes dafür umso bedeutsamer. Ganz leicht fiel mir der Abstieg – obwohl ich überhaupt keine Bergerfahrung habe. Nur eine Stunde bis Seefeld, so stand es auf dem Wegweiser. IMG_7835Und schon war ich an dem wundervollen See, in dessen stillem Wasser sich die mächtigen Berge spiegelten. Langsam umrundete ich den See, bewunderte die Natur, die Blumen, die Insekten und die Schmetterlinge. Und immer wieder die Spiegelbilder der Berge. Mir kam der Gedanke an die höhere Macht, die unser Leben leitet. In der Stille dieser grandiosen Umgebung entstanden keine neuen Gedanken und kamen keine alten Gedanken hervor, ich war einfach da, alleine mit mir und der Natur.

IMG_7876IMG_7874Bis ich am Ausgang wieder einen Berner Sennenhund traf und den zugehörigen Leuten erzählte, dass ich auch einen hätte – zu Hause.

IMG_7924IMG_7856Frohen Mutes wanderte ich zu der nahen Almhütte, wo ich eine herrliche Rast mit grandiosem Ausblick einlegte – mit Käsespätzle und einem guten Weißwein. IMG_7954Der weitere Abstieg war ganz leicht, und als ich schließlich wieder in meinem Hotel angekommen war, hatte ich über 12 km zurück gelegt – mehr, als ich jemals in den vergangenen Monaten oder sogar Jahren an einem Tag gelaufen war. Ich war stolz auf mich und meine Kraft und Ausdauer – nur ein wenig traurig, weil Senta nicht dabei gewesen war.

Am nächsten Tag, meinem letzten Urlaubstag, wollte ich mich etwas schonen und plante, den Wildsee zu besuchen. Gabi, die Seniorchefin des Hotels, gab mir den Hinweis, über den Pfarrhügel zu gehen – dort, am Ende des Kreuzweges, sei einer der stärksten Kraftorte Tirols. Ich war schon am ersten Tag dort gewesen, ohne das zu wissen. Also ging ich nochmals den Pfarrhügel hinauf, vom Dorfplatz neben der Kirche nach oben und kam zu dem Platz mit den 12 Stelen, in deren Mitte ein riesiger Felsbrocken das Grab Christi symbolisierte.

IMG_7991An dieser Stelle – eigentlich mitten im Ort – kann man so stehen, dass man nur die Berge, aber kein einziges Haus sieht. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie nahe ich hier dem Himmel war – aber ich spürte nur eine enorme Kraft in mir, spürte eine feste Verbindung zur Erde, sah die seit vielen Jahren vertrauten Berge ringsum, den Wildsee ganz unten und fühlte das Glück dieses Aufenthaltes in dieser wundervollen Umgebung.

IMG_7985 Ich blickte Richtung Italien – dort, wo die ganz hohen Bergketten zwischen den Wolken zu sehen waren, wo es nicht weit zum Brenner und zum Übergang in die Dolomiten war.  Ich dachte an meinen Wunschtraum, eines Tages nach Armentarola zu fahren, um dort, ganz oben in den Bergen, meinem verstorbenen Mann ganz nahe zu sein. IMG_7987Ich wanderte hinunter zum See, machte dort eine Rast und schaute hinauf zur Roßhütte, wo ich gestern noch gewesen war. Dann wanderte ich rund um den See, erinnerte mich, wie ich vor vielen Jahren im Winter hier mal Eichhörnchen gefüttert hatte, und auch, wie ich mit meinem Mann einmal um den See gelaufen war.

IMG_8028IMG_8055Am Abend hatte ich einen ausgiebigen Klönabend mit Gabi, der Seniorchefin des Hotels, mit der ich mich vor 12 Jahren angefreundet hatte. Wir sprachen über das Leben, über unsere Erinnerungen, über die Liebe und über das, was uns heute bewegt. Und mit einem Mal merkte ich, dass ich durch die drei Tage in Seefeld so viel Kraft, so viel Zuversicht und neuen Mut gewonnen hatte. Ich spürte keine Trauer mehr um das, was nicht mehr war, sondern war glücklich über mein neues Leben, das hier begonnen hatte.

Am nächsten Morgen brach ich fröhlich auf zu meiner 1040 km langen Rückfahrt, fuhr über die vertrauten Autobahnen – und begann eine Übung, die mir das neue Leben erleichtern sollte: Ich versuchte, alle negativen Bilder in meinem Kopf, alle trüben Gedanken an die Vergangenheit durch neue, positive Bilder und optimistische Gedanken zu ersetzen. Ganz bewusst holte ich schöne Erinnerungen hervor, ersetzte Bilder von unangenehmen Erlebnissen durch Glückmomente, freute mich an der wunderschönen Sommerlandschaft und dachte an jedem Erinnungsort nur noch an gute Momente. Ich machte meine geplanten Pausen, hatte Glück, in keinen Stau zu geraten und kam nach gut neun Stunden Autofahrt guter Dinge zurück auf meine geliebte Insel Fehmarn, wo mich Senta zu Hause schon freudig erwartete.

Nun bin ich frei für die nächste Lebensphase, für mein eigenes Leben, in dem ich wieder glücklich sein kann. Es ist gut, mal die Perspektive zu wechseln, mal auf die Berge hinauf zu fahren und auf die Welt dort unten zu blicken. In den nächsten Wochen spüre ich mich selber wieder, fühle die Kraft und die Liebe in mir, die mir schon meine Mutter, und später Hans Christian geschenkt hatten. Ich lebe nicht mehr mit einem Verlust, sondern genieße die Fülle meines eigenen Lebens – auch wenn es immer wieder Momente der Trauer gibt.

Ich kann mich wieder an wundervoller Musik erfreuen, spüre die Zuneigung meiner Freunde, bin wieder empfänglich für all die Zeichen der Liebe, die ich bekomme. Senta wird immer mehr zu meiner Seelengefährtin und wir beide gehen jeden Tag zum Meer, um die Stimmungen dort zu genießen, die Sonnenuntergänge und Lichtwirkungen am Wasser. Und ich erzähle ihr immer wieder von den Bergen, in denen ich beim nächsten Mal mit ihr zusammen wandern möchte.

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10 Comments

  1. Birgit Matzerath 9. November 2015 at 02:03 - Reply

    Liebe Beate,

    Ein wunderschöner Text über ein wunderschönes, lebensveränderndes Erlebnis. Vielen Dank dafür und liebe Grüsse, Birgit

    • Dr. Beate Forsbach
      Dr. Beate Forsbach 9. November 2015 at 11:03 - Reply

      Danke, liebe Birgit,

      dieses Erlebnis hat mein Leben tatsächlich so verändert – vor allem auch aus der heutigen Perspektive – dass ich es unbedingt noch in meinem Blog aufschreiben wollte.

      Hezrliche Grüße
      Beate

  2. Monika Bidler 9. November 2015 at 14:18 - Reply

    Liebe Beate, herzlichen Dank für diesen schönen Bericht
    und den ganz tollen Bildern. Es ist schön einmal die Zeit und
    Natur einfach auf sich einwirken zu lassen. Ein freudiges
    und schönes Lebensgefühl erfaßt uns da.

    Dir eine gesunde Herbstzeit
    wünscht Deine Monika!

    • Dr. Beate Forsbach
      Dr. Beate Forsbach 9. November 2015 at 18:57 - Reply

      Liebe Monika,

      danke für Deinen lieben Kommentar!

      Liebe Grüße von der Sonneninsel Fehmarn
      Deine Beate

  3. Ruth 9. November 2015 at 17:09 - Reply

    Liebe Beate,
    ein wundervoller Bericht mit so tollen Aufnahmen. So ähnlich ergeht es mir wenn ich in die Berge fahre und eines Tages schaffst Du es bis Armentarola.
    Ich bin ja nur in der Gegend gewesen, aber es ist auch eine wundervolle Natur.
    Und es war sicher auch richtig dem Rat Deiner ehemaligen Klassenkameradin zu folgen. Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit.
    Danke für Deinen schönen Bericht.

    Mit lieben Grüßen von Deiner Ruth.

    • Dr. Beate Forsbach
      Dr. Beate Forsbach 9. November 2015 at 18:58 - Reply

      Danke, liebe Ruth,

      das hast Du schön gesagt: „Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit“.
      Auch wenn ich sehr gerne arbeite – aber solche Erlebnisse wie das in den Bergen gehören auch dazu, um glücklich zu leben.

      Liebe Grüße
      Deine Beate

  4. Dorothea 9. November 2015 at 17:55 - Reply

    liebe Beate

    einfach wunderbar dieser Perspektivwechsel- auch die dazugehörigen Fotos- vielleicht will Senta ja bald mal zu ihren Artgenossen in die Heimat reisen- ich glaube, wenn Du es ihr so erzählst, dann kommt es bei Ihr an

    herzlich

    Dorothea

  5. Dr. Beate Forsbach
    Dr. Beate Forsbach 9. November 2015 at 19:01 - Reply

    Danke, liebe Dorothea,

    für Deinen Kommentar.
    Ich glaube ganz fest daran, dass Senta das alles verstanden hat, was ich ihr schon über die Berge erzählt habe. Schließlich ist sie ein Berner Sennenhund und kein „Seehund“ – und eines Tages will sie bestimmt ihr Ursprungsland sehen, auch wenn sie in Schleswig-Holstein geboren ist.

    herzliche Grüße
    Beate

  6. Gunda Dinklage 18. November 2015 at 11:15 - Reply

    Liebe Frau Dr. Forsbach,
    mit großem Interesse habe ich Ihren Bericht über Perspektivenwechsel gelesen. Ihren Gedanken und Erlebnissen zu folgen, hat auch mir neue Erkenntnisse gebracht. Und zwar auch dahin gehend, die schönen Erinnerungen öfter in den Kopf zu nehmen. Und es hat mich inspiriert, auch mein Leben aus anderer Perspektive zu betrachten. Unser Apt. Befindet sich direkt am Meer und ich schaue gern aufs Wasser und lasse meine Gedanken schweifen. Ich spüre die Leichtigkeit des Seins und bin einfach zufrieden und glücklich, dass es mir gut geht, dass ich sein darf. Und ich habe den Entschluss gefasst. Im nächsten Jahr mal wieder nach Mallorca zu fliegen und den Platz aufzusuchen, an dem mein verstorbener Mann und ich so gerne waren (bisher habe ich den Ort gemieden).
    Danke herzlich für die Anregung und sende einen herzlichen Gruß Ihre Gunda Dinklage.

    • Dr. Beate Forsbach
      Dr. Beate Forsbach 18. November 2015 at 11:30 - Reply

      Danke, liebe Frau Dinklage,

      für Ihren sehr persönlichen Kommentar. Es freut mich, dass mein Blogartikel Sie zu einem eigenen Perspektivenwechsel anregen konnte. Manchmal bedarf es tatsächlich nur eines kleinen Anstoßes.

      Ich habe heute morgen die „Leichtigkeit des Seins“ erfahren bei einem ganz spontanen Spaziergang mit Senta zum Meer – in Sturm und Sonnenschein. Es war eine fantastische Erfahrung, die ich heute zum ersten Mal machte. Anderes können wir aus dem reichen Schatz eines glücklichen Lebens immer wieder hervorholen.

      Ja, machen Sie das, fahren Sie dahin, wo Sie mit Ihrem Mann einst glücklich waren – und finden Sie dort Ihr eigenes Glück! Das wünsche ich Ihnen!

      Herzliche Grüße
      Ihre Beate Forsbach

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