Mein Sessel

IMG_5446Schon seit einigen Wochen verändert sich etwas bei uns zu Hause. Senta geht am Abend auf ihren Platz – der ist seit einiger Zeit im ersten Stock, in der Nische hinter meinem Schreibtisch. Dort legt sie sich auch immer hin, wenn ich mal verreise. Letzten Sonntag kam sie mir zum ersten Mal nicht freudig entgegen, als ich aus Lübeck nach Hause kam. Nein, sie schlief tief und fest oben auf ihrem Platz.

Wenn ich mal am Abend unten im Wohnzimmer war, saß ich ganz alleine auf dem Sofa, wo Senta es sich früher immer bequem gemacht hatte. Und ich schaute auf den Sessel. Er war verwaist, seit Hans Christian nicht mehr nach Hause gekommen war. Eine Zeitlang hatte Senta vor dem Sessel gelegen, es war ihr Lieblingsplatz. Dort schleppte sie einen Hähnchenschenkel hin, um ihn genüßlich zu verspeisen, dort spielte sie wochenlang jeden Abend mit dem Kong oder kaute auf ihrem Knochen – so als säße ihr Herrchen immer noch in dem Sessel.

Dann haben wir beide fast zwei Jahre lang einträchtig nebeneinander auf dem Sofa gesessen, wo ich oft einschlief, während Senta sich auf ihren Platz unterhalb der Treppe zum Schlafen legte. All das war anders geworden, seit ich früher ins Bett ging, um nicht auf dem Sofa, sondern im Bett einzuschlafen. Der Sessel aber blieb weiterhin leer. Zum Lesen mochte ich mich nicht hineinsetzen, auch nicht tagsüber, es war einfach zu dunkel.

IMG_6245Den Sessel mit dem Hocker und das Sofa aus schwarzem Leder hatten wir in unserer neuen kleinen Bamberger Wohnung bekommen, Anfang 2010. Dort passten die alten Polstermöbel nicht mehr, es war nur wenig Platz zwischen dem Flügel und der großen Fensterwand zum Balkon.

IMG_6254Eigentlich hatte ich mich auf den Sessel gefreut. Hans Christian mochte doch das Sofa so sehr, auf dem er immer seinen Mittagsschlaf hielt. Aber vom ersten Tag an liebte er den Sessel, und ich konnte auch besser mit dem Rollstuhl heranfahren. Als wir dann ein paar Monate später in Neujellingsdorf wohnten, war der Sessel Hans Christians Platz – bis zu seinem letzten Tag. Von dort schaute er gerne Fernsehen, von dort brachte ich ihn einfach zum Treppenlift. Als er gestorben war, stand wochenlang eine Kerze vor seinem Sessel.

IMG_1670Irgendwann holte ich mir den Hocker ans Sofa, um dort etwas bequemer zu sitzen. Nun konnte ich am Abend endlich die Füße hochlegen. Fernsehen schaute ich kaum noch, aber seit etwa einem Jahr hörte ich jeden Abend Musik – von Brahms, Schubert, Chopin und anderen. Und Senta saß immer dabei. IMG_9467Immer leuchtete die Kerze auf dem Tisch, daneben oft eine Flasche Rotwein und eine CD.

IMG_9488In letzter Zeit änderte sich einiges – ich begann wieder, mittags zu kochen und am Abend nur eine Kleinigkeit zu essen. Und ich setzte mich ab und zu in den Sessel, stellte die Tischlampe um, so dass ich auch lesen konnte, machte es mir bequem und freundete mich mit meinem Sessel an.

IMG_5442Heute Abend dann blieb auch Senta unten im Wohnzimmer. Sie stibitzte sich Leckereien von dem Tischchen, an das sie nun besser herankam als vom Sofa aus. Ich schaute mir einen interessanten Film an. Aber wo war Senta eigentlich gebleiben? Ich ging in die Küche und suchte. Da war sie nicht. Nach oben war sie auch nicht gegangen. Sie hatte sich einen ganz neuen Platz gesucht, hinter meinem Sessel, vor dem Sofa, wo wir es zwei Jahre lang gemütlich gehabt hatten.

IMG_5439Ich sah den Film zu Ende und legte die CD mit den Streichsextetten von Brahms auf. Nachdem ich monatelang Klaviermusik gehört hatte, ist nun wieder die Kammermusik von Brahms dran – aus Hans Christians Kassette, um die ich ihn in der Zeit unseres Kennenlernens glühend beneidet hatte. Manchmal hatte ich früher gescherzt, dass ich ihn nur wegen dieser Kassette geheiratet hätte. An besonderen Tagen hatten wir oft gemeinsam das Klarinettenqunintett angehört.

IMG_5437Nun erklingt immer noch das Streichsextett in G-dur, Senta schläft an ihrem neuen Platz, und oben am Schreibtisch habe ich diesen Blogartikel geschrieben über den Sessel, der nun endlich mein Sessel geworden ist.IMG_5450Die Musik ist zu Ende und ein Glas Wein wartet dort unten auf mich. Ich werde es genießen, nachdem ich diesen Blogartikel veröffentlicht habe.

 

 

12 Comments

  1. Maria Scgeuring 15. Juli 2016 at 09:57 - Reply

    Liebe Beate! Deine Zeilen haben mich zutiefst berührt! Das Leben geht weiter,
    so deutlich habe ich es nie bei meiner Arbeit an der Telefonseelsorge erfahren
    dürfen! Der Abschied,von deinen geliebten Mannes,war sehr deutlich zu spüren,
    wobei Senta auch ein große Rolle gespielt hat!
    Ich freue mich besonders für dich,da ich in der letzten Zeit das alles von dir
    so gut geschildert bekam(Im Facebook natürlich) Bin sehr dankbar daß du das
    Alles so eindrucksvoll geschildert hast!
    Wünsche dir von Herzen weiterhin alles Gute und hoffe immer wieder mal sowas
    tolles oder ähnliches von dir lesen zu dürfen!
    Deine FB Freundin Maria

    • Dr. Beate Forsbach
      Dr. Beate Forsbach 15. Juli 2016 at 10:36 - Reply

      Danke, liebe Maria,
      für Deinen Kommentar.

      Ich freue mich, dass Dir mein Text gefallen hat.
      Ganz bestimmt schreibe ich weitere Texte!

      Herzliche Grüße
      Deine Beate

  2. gisela Messner 15. Juli 2016 at 10:06 - Reply

    liebe Beate,mit großem Interesse lese ich gern von Dir,wunderbar mit dem Sessel alles Liebe Gisela

  3. Petra G. Dietrich 15. Juli 2016 at 11:56 - Reply

    zutiefst berührende Zeilen!!

  4. Margret Tekolf 15. Juli 2016 at 13:21 - Reply

    Liebe Beate, wieder eine zu Herzen gehende Geschichte von dir und deiner geliebten Senta, danke dafür.

    Liebe Grüße Margret

  5. Ottlie Krafczyk 15. Juli 2016 at 16:17 - Reply

    Es ist nur der Sessel, es ist das Neue Leben, das du angefangen hast.
    So bist du jetzt Zuhause und er ist dein Sessel.
    Ja, es sind wie immer deine Zeilen die mich berühren.
    Lange Zeit ist es schon, als mein Mann gestorben ist. 3 Jahre lebte ich in einer versunkenen Welt. Als ich dann 77 meinen Geburtstag mit meiner Familie feierte, kam der Anruf von Gerd. So fing langsam mein Leben wieder an. Dann hattest du uns geholfen unserer Schreibereien zum Buch zu machen, haben wir beide die unsere Partner verloren hatten einen neuen Sinn bekommen.

    Siehst du deine Zeilen, haben mich dazu gebracht etwas zu schreiben.

    Danke Beate und viele Grüße von uns.

    Tilli und Bruno

    • Dr. Beate Forsbach
      Dr. Beate Forsbach 25. Juli 2016 at 12:56 - Reply

      Danke, liebe Tilli,

      ich freue mich sehr, dass Du mir geschrieben hast.
      Alles ändert sich in meinem neuen Leben – denn die Beziehungen ändern sich ja auch.
      Und das Leben mit Senta ändert sich auch immer wieder. Wir sind froh, zusammen zu sein, nachdem Hans Christian nicht mehr da ist.

      Liebe Grüße
      Beate

  6. Gunda Dinklage 16. Juli 2016 at 17:34 - Reply

    Liebe Frau Dr. Forsbach,
    mit großer Anteilnahme habe ich Ihren Blog „Mein Sessel“ gelesen. Wie Sie mit Ihrer großen Trauer um Ihren geliebten Mann umgehen und uns Leser daran teilhaben lassen, das bewegt mich sehr. Und der Lieblinssessel Ihres Mannes spielt eine große Rolle dabei. Ich finde es sehr schön, dass er auch Ihr Herz erobert hat und nun zu Ihrem Sessel geworden ist. Und Senta hat sich nun in der Nähe Ihr Lieblingsplätzchen gesucht. Frauchen und Senta sind beisammen – ein tröstlicher Gedanke.
    Übrigens wurde der Lieblingssessel meines Mannes schon bald nach seinem Tod zu meinem Lieblingsplatz. Ich fühlte mich immer sehr getröstet, wenn ich darin saß. Dieser Sessel ist mit mir umgezogen in meine kleine Wohnung, als ich das Haus verkauft habe. Er hat einen besonderen Platz in meinem Wohnzimmer und erinnert mich immer an meinen Mann. Lieben Gruß Gunda Dinklage.

    • Dr. Beate Forsbach
      Dr. Beate Forsbach 25. Juli 2016 at 12:58 - Reply

      Danke, liebe Frau Dinklage,

      für Ihren Kommentar und Ihre Anteilnahme.

      Liebe Grüße
      Beate Forsbach

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